Helfen Anserin und Carnosin aus Hühnerfleisch dem Gedächtnis?
Mehrere Studien zeigen, dass täglich 1 Gramm Anserin und Carnosin das verzögerte Gedächtnis bei älteren Menschen spürbar erhalten kann. Die stärkste Evidenz gilt für genau diesen Gedächtnistyp; bei anderen kognitiven Funktionen ist die Studienlage weniger eindeutig.
Anserin und Carnosin, zwei Stoffe, die natürlicherweise in Hühnerfleisch vorkommen, verbessern das verzögerte Gedächtnis bei älteren Menschen. Das ist das beständigste Ergebnis: Zehn Studien zusammen zeigen eine durchschnittliche Verbesserung von 1,5 Punkten auf einem standardisierten Gedächtnistest. Dieser Effekt blieb sowohl bei gesunden Menschen ab 65 als auch bei Personen ohne Gedächtnisbeschwerden stabil. Auf breit angelegten Tests zur Erkennung von Demenz fand sich kein Unterschied.
Zwei unabhängige Studien mit je einer Vergleichsgruppe, die ein Scheinpräparat erhielt, bei gesunden Menschen zwischen 60 und 78 Jahren bestätigten: 1 Gramm täglich (Anserin und Carnosin im Verhältnis 3 zu 1) erhält das verzögerte Sprachgedächtnis deutlich besser als das Scheinpräparat. Außerdem sanken bestimmte Entzündungswerte im Blut, und in der Hirnbildgebung nahm die Durchblutung im hinteren Teil der Hirnrinde weniger stark ab.
Bei Menschen mit leichten Gedächtnisproblemen sind die Ergebnisse gemischter. In einer Studie mit 54 Teilnehmenden verbesserte sich die Gesamtbewertung des geistigen Leistungsvermögens leicht, auf den meisten einzelnen Gedächtnistests zeigte sich jedoch kein Effekt. Eine Ausnahme bildeten Menschen mit einer erblichen Veranlagung für Alzheimer: Sie schnitten sowohl in einem allgemeinen Denk- und Gedächtnistest als auch in der Gesamtbewertung besser ab. Das ist eine Auswertung einer Untergruppe, die in größeren Studien noch bestätigt werden muss.
Hühneressenz, ein in Asien weit verbreitetes Nahrungsergänzungsmittel mit denselben Wirkstoffen, zeigt in mehreren Studien mit insgesamt knapp 800 Teilnehmenden einen geringen positiven Effekt auf das Arbeitsgedächtnis. Für höhere kognitive Steuerungsfunktionen sind die Ergebnisse widersprüchlich, und das Kurzzeitgedächtnis scheint sich nicht zu verbessern. Viele dieser Studien wiesen ein hohes Verzerrungsrisiko auf.
In Tierversuchen mit Mäusen, die Alzheimer-ähnliche Veränderungen zeigten, beseitigte Anserin Gedächtnisdefizite vollständig und verbesserte die Gefäßstruktur im Gehirn. Dazu gibt es bisher nur diese Mäusedaten; auf Menschen lässt sich das nicht direkt übertragen.
Die stärkste Evidenz stammt aus einer Zusammenfassung von zehn Studien zu Anserin und Carnosin, die einen einheitlichen positiven Effekt auf das verzögerte Gedächtnis zeigt. Zwei unabhängige Studien mit Scheinpräparat-Vergleich bei gesunden älteren Menschen bestätigen dies für eine Tagesdosis von 1 Gramm. Die Effekte auf andere kognitive Maße sind uneinheitlich: Manche Studien finden gar nichts, eine Studie bei Menschen mit frühen Gedächtnisbeschwerden fand einen Vorteil nur in einer Untergruppe. Eine Zusammenfassung von Studien zu Hühneressenz zeigt einen geringen Effekt auf das Arbeitsgedächtnis, aber widersprüchliche Ergebnisse bei anderen Maßen; zudem war das Verzerrungsrisiko in diesen Studien vergleichsweise hoch. Ein erzählender Übersichtsartikel zieht positivere Schlüsse, als die zugrunde liegenden Studien rechtfertigen. Insgesamt ist die Evidenzlage am überzeugendsten für das verzögerte Gedächtnis bei gesunden älteren Menschen; andere kognitive Vorteile sind weniger gesichert.