Hemmen Proteine die Autophagie?
Viel Protein – vor allem rotes und verarbeitetes Fleisch – hemmt die Autophagie wahrscheinlich über erhöhte IGF-1-Spiegel. Wer die Autophagie fördern möchte, kommt mit weniger und bewussterem Essen weiter als mit Nahrungsergänzungsmitteln.
Protein beeinflusst die Autophagie direkt – also den Prozess, bei dem deine Zellen beschädigtes Material abbauen und sich dabei gewissermaßen selbst reinigen. Entscheidend ist dabei IGF-1, ein Wachstumshormon. Wer weniger Protein isst, hat im Durchschnitt niedrigere IGF-1-Spiegel. Niedrige IGF-1-Spiegel wiederum sind mit einer längeren Lebenserwartung verknüpft. Beim Menschen handelt es sich dabei um eine Assoziation, keinen bewiesenen Kausalzusammenhang.
Nicht alle Proteine wirken gleich. Viel rotes Fleisch zu essen – erst recht verarbeitetes Fleisch – wird in mehreren großen Auswertungen mit einer höheren Sterblichkeit in Verbindung gebracht. Die Aminosäure Methionin spielt dabei offenbar eine Rolle: Dazu gibt es bisher nur Tier- und Modellorganismendaten, in denen eine Methioninreduktion die Lebensspanne verlängerte. Kalorienrestriktion, einschließlich intermittierendem Fasten, ist die einzige Strategie, die bei Säugetieren – darunter nichtmenschliche Primaten – die gesunden Lebensjahre zuverlässig verlängert.
Autophagie ist nicht grundsätzlich wünschenswert. Bei tumorbedingtem Muskelabbau kann eine übermäßige Autophagie zum Verlust von Muskelmasse beitragen. Eine zu starke oder dauerhaft aktive Zellreinigung ist also nicht immer vorteilhaft.
Spermidin, eine Verbindung, die natürlich in Weizenkeimen und fermentierten Lebensmitteln vorkommt, regt die Autophagie über eine chemische Veränderung an bestimmten Zellproteinen an. In Mausstudien verbesserte es Gedächtnis und Mitochondrienfunktion im Gehirn. In einer großen prospektiven Humanstudie war eine spermidinreiche Ernährung mit weniger kognitivem Abbau verknüpft. Fliegenstudien zeigen, dass dieser Effekt intakte Autophagiemechanismen voraussetzt. Mehrere Autoren dieser Studie haben finanzielle Interessen an einem Unternehmen, das Spermidin verkauft – das erfordert Vorsicht bei der Interpretation. Effekte auf Körpergewicht und Darm wurden zudem ausschließlich bei adipösen Mäusen beobachtet.
Die Evidenzbasis besteht aus assoziativen Humanstudien, Tier- und Modellorganismenstudien sowie einer prospektiven Humanstudie mit Interessenkonflikt. Kontrollierte Studien zu Autophagie und Proteinzufuhr beim Menschen liegen nicht vor. Selen und Vitamin E waren Teil der untersuchten Aussagen, beantworten die Kernfrage aber nicht und wurden weggelassen, um die Antwort fokussiert zu halten.