Hilft Baldrian wirklich dabei, schneller einzuschlafen?
Baldrian hilft wahrscheinlich nicht dabei, schneller einzuschlafen. Mehrere unabhängige Übersichtsarbeiten und eine aktuelle kontrollierte Studie fanden keinen messbaren Effekt, und die offizielle Schlaf-Leitlinie rät ausdrücklich davon ab. Wer ernsthaft unter Schlafproblemen leidet, sollte das mit einem Arzt besprechen.
Baldrian gehört zu den meistverkauften Schlafmitteln aus der Apotheke – doch die Belege dafür, dass er das Einschlafen tatsächlich beschleunigt, sind erstaunlich dünn. Zwei große Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2023 und 2024 kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Baldrian bei Menschen mit Schlaflosigkeit weder die Zeit bis zum Einschlafen noch die Schlafeffizienz noch die Gesamtschlafdauer gegenüber Placebo messbar verbessert. Die American Academy of Sleep Medicine (AASM) rät explizit davon ab, Baldrian zur Behandlung von Ein- oder Durchschlafproblemen einzusetzen.
Was manche Menschen subjektiv berichten, ist ein gefühlt erholsamerer Schlaf. Sobald das mit objektiven Methoden wie einem Schlaf-EEG oder einer Bewegungsaufzeichnung überprüft wird, verschwindet der Effekt. Dieses Muster zeigte sich bereits in einer kleinen Studie von 1985: Zuhause gaben die Teilnehmenden an, kürzer wachgelegen zu haben – im Schlaflabor hingegen war kein einziger statistisch bedeutsamer Unterschied nachweisbar. Das deutet stark darauf hin, dass das subjektive Erleben wesentlich durch Erwartungen getragen wird.
Eine placebokontrollierte Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte sechs Wochen lang ein Kombinationspräparat aus Baldrian, L-Theanin, Zitronenmelisse und Safran bei Erwachsenen mit Schlafproblemen. Kein einziger Schlafwert verbesserte sich gegenüber Placebo in relevantem Ausmaß. In einzelnen Messgrößen schnitt die Placebogruppe sogar etwas besser ab.
Schwerwiegende Nebenwirkungen sind bei Baldrian nicht bekannt. Die Qualität frei verkäuflicher Kräuterpräparate schwankt jedoch erheblich, und Daten zur Langzeitanwendung fehlen weitgehend. Für ältere Menschen ist das Sicherheitsprofil akzeptabel – die Wirksamkeit bleibt aber auch bei ihnen unbelegt.
Grundlage sind eine zusammenfassende Übersichtsarbeit (sogenannte Umbrella-Review) aus 2024 (PMID 38359657), eine weitere solche Übersichtsarbeit aus 2023 (PMID 37527850), die AASM-Leitlinie aus 2017 (PMID 27998379), ein Stanford-Review mit Fokus auf ältere Menschen aus 2018 (PMID 30058034), eine randomisierte kontrollierte Studie mit einem Kombinationspräparat aus 2024 (PMID 38580720) sowie eine frühe Laborstudie aus 1985 (PMID 3936097).