Ist Reizdarmsyndrom eine echte Erkrankung oder bildet man sich das nur ein?
RDS ist eine echte körperliche Erkrankung mit messbaren Veränderungen in Darm und Nervensystem. Dass psychische Faktoren eine Rolle spielen können, macht sie nicht weniger real: Darm und Gehirn sind nun mal eng miteinander verbunden.
Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine echte, körperlich nachweisbare Erkrankung. Bei Betroffenen ist die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn messbar gestört. Die Darmbewegungen sind verändert, die Schmerzempfindlichkeit aus dem Bauchraum ist erhöht, und das zentrale Nervensystem verarbeitet Darmsignale anders als bei gesunden Menschen.
Einer der deutlichsten Hinweise auf eine körperliche Ursache ist der Zusammenhang mit Darminfektionen. Nach einer akuten Magen-Darm-Infektion steigt das Risiko, später ein RDS zu entwickeln, deutlich an. Das lässt sich kaum als reine Einbildung abtun, wenn alles mit einem Bakterium oder Virus beginnt. Außerdem wurden bei einem Teil der Betroffenen messbare Veränderungen festgestellt: eine erhöht durchlässige Darmwand, eine gestörte Darmflora, niedriggradige Entzündungen und Auffälligkeiten in der Serotoninproduktion im Darm.
Dass RDS häufiger bei Menschen mit Angststörungen oder Depressionen auftritt, stimmt zwar, aber die psychischen Beschwerden kommen nicht zwingend zuerst. Bei einer großen Gruppe von Betroffenen sind die Darmsymptome sogar älter als die Stimmungsprobleme. Dass psychologische Behandlungen die Beschwerden lindern können, sagt zudem nichts über deren Ursprung aus: Bei Migräne, chronischen Schmerzen und Herzinsuffizienz helfen solche Therapien ebenfalls, ohne dass jemand diese Erkrankungen als Einbildung bezeichnet.
RDS betrifft schätzungsweise 5 bis 21 Prozent der Bevölkerung, je nachdem wie die Diagnose gestellt wird. Die Erkrankung wirkt sich stark auf den Alltag, die Arbeitsfähigkeit und die Lebensqualität aus, und Betroffene nutzen das Gesundheitssystem deutlich häufiger. Die Diagnose wird anhand der Beschwerden und durch den Ausschluss anderer Darmerkrankungen gestellt. Wenn du zusätzlich Warnsignale wie ungewollten Gewichtsverlust, Blut im Stuhl oder Blutarmut bemerkst, sprich das unbedingt mit deiner Ärztin oder deinem Arzt an.
Wahrscheinlich ist RDS keine einzelne Erkrankung, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Zustände mit ähnlichen Beschwerden, aber unterschiedlichen Ursachen. Mikrobiomforschung zeigt, dass bestimmte Veränderungen der Darmflora mit spezifischen Beschwerdemustern zusammenhängen. Eine auf den jeweiligen Mechanismus zugeschnittene Behandlung erscheint vielversprechend, gehört aber noch nicht zum klinischen Alltag.
Alle Aussagen basieren auf Übersichtsarbeiten (PMID 33049223, 28404070, 24944467, 25734736, 27159638, 41226634, 36307180) sowie einer nicht näher indizierten Studie (PMID 32916129). Randomisierte Studien oder Metaanalysen wurden als direkte Quellen nicht herangezogen.