Lässt sich die Alterung des Immunsystems verlangsamen?
Dass das Immunsystem altert, ist eindeutig belegt, und es gibt vielversprechende Ansätze, diesen Prozess zu verlangsamen. Doch kein einziger davon gilt beim Menschen als sicher und wirksam bestätigt. Weniger stark verarbeitete Lebensmittel zu essen ist der einzige Schritt, den du jetzt schon konkret gehen kannst; alles andere muss die Forschung am Menschen erst noch zeigen.
Das Immunsystem altert auf zwei Ebenen gleichzeitig. Die Abwehrreaktion wird langsamer und weniger wirksam, während sich eine schwelende, niedriggradige Entzündung aufbaut. T-Zellen, die Koordinatoren der Immunantwort, verlieren ihre Fähigkeit zur Selbsterneuerung, verharren in einer Art erschöpftem Wartezustand oder sterben ab, ohne ersetzt zu werden. Das macht ältere Menschen anfälliger für Infektionen und Krebs und erklärt, warum Impfungen bei ihnen schwächer wirken. All das ist durch Humandaten gut belegt.
Eine westliche Ernährung mit viel gesättigtem Fett und schnellen Zuckern beschleunigt diese schwelende Entzündung. Der Mechanismus läuft über Übergewicht, ein gestörtes Darmmikrobiom und Fettgewebe, das selbst Entzündungsbotenstoffe produziert. Der konkreteste Hebel, den du heute schon umlegen kannst: weniger stark verarbeitete Lebensmittel essen. Das ist die am besten belegte Lebensstilentscheidung in diesem Bereich.
Die bekannteste Interventionsstudie ist die TRIIM-Studie, in der neun gesunde Männer ein Jahr lang eine Kombination aus Wachstumshormon, Metformin und DHEA erhielten. Ihr biologisches Alter, gemessen anhand von DNA-Methylierungsmustern, sank im Schnitt um 1,5 Jahre. Der Effekt hielt sechs Monate nach Absetzen an. Eine Kontrollgruppe fehlte, die Gruppe war sehr klein, und Wachstumshormon birgt reale Risiken, darunter ein erhöhtes Risiko für Insulinresistenz. Einige Forschende der Studie haben finanzielle Interessen an den Ergebnissen, was eine besonders kritische Einordnung erfordert. Das sind vorläufige Hinweise, keine bewiesene Behandlung.
Ein anderer Ansatz zielt darauf ab, gealterte Zellen gezielt zu beseitigen. Solche Wirkstoffe heißen Senolytika. ABT263 wirkte bei Mäusen effektiv, hemmt aber auch das Überleben von Blutplättchen, was das Blutungsrisiko erhöht. Noch einen Schritt weiter gehen modifizierte Immunzellen (CAR-T-Zellen), die speziell auf gealterte Zellen ausgerichtet sind. Bei Mäusen verbesserte dieser Ansatz Leberfibrosen und verlängerte das Überleben; bei nicht-menschlichen Primaten wurden keine Nebenwirkungen beobachtet. Dazu gibt es bisher fast ausschließlich Tier- und Primaten-Daten; klinische Studien am Menschen laufen.
Diese Antwort stützt sich auf mehrere Reviews zur Immunalterung beim Menschen sowie auf Tierversuche zu neuen Interventionen. Die Alterung des Immunsystems selbst ist durch Humandaten stark belegt. Bei den Interventionen sieht das anders aus: Die TRIIM-Studie umfasste neun Teilnehmer ohne Kontrollgruppe, und die Senolytika- sowie CAR-T-Studien wurden fast ausschließlich an Mäusen und in einem Fall auch an nicht-menschlichen Primaten durchgeführt. Keiner der experimentellen Ansätze wurde an großen Menschengruppen geprüft. Einige Forschende der TRIIM-Studie haben finanzielle Interessen an den Ergebnissen, was eine besonders kritische Interpretation dieser Studie erfordert.
Schwächt sich dein Immunsystem mit dem Alter wirklich ab, und kannst du etwas dagegen tun?
Dein Immunsystem schwächt sich mit dem Alter nachweislich ab, doch gesunde Ernährung und Bewegung können die damit einhergehende schwelende Entzündung dämpfen. Auf Medikamente gegen gealterte Zellen zu setzen ist noch zu früh.
Altert dein Immunsystem in einem anderen Tempo als dein Herz?
Immunsystem und Herz altern tatsächlich in unterschiedlichem Tempo und über verschiedene Mechanismen – auch wenn sie sich gegenseitig beeinflussen. Wer wissen möchte, wie schnell das eigene Immunsystem biologisch altert, sollte Faktoren wie chronischen Stress und das Geschlecht mindestens genauso ernst nehmen wie klassische Herzrisikofaktoren.
Hilft Bewegung dem Immunsystem im Alter?
Regelmäßige, moderate Bewegung unterstützt das Immunsystem, indem sie unterschwellige Entzündungen dämpft. Wer plötzlich und ohne Aufbau sehr intensiv trainiert, riskiert dagegen einen vorübergehenden Einbruch der Abwehrkraft.
Stärkt mehr Zeit im Freien das Immunsystem im Alter?
Mehr Zeit im Freien kann das Immunsystem im Alter unterstützen – vor allem über eine verbesserte Vitamin-D-Bildung –, doch ob das tatsächlich zu weniger Krankheiten führt, ist bisher nicht eindeutig belegt. Auch die Luftqualität spielt eine Rolle: Bei starker Luftverschmutzung kann der Aufenthalt im Freien unter Umständen mehr schaden als nützen.
Wird dein Immunsystem wirklich schwächer, je älter du wirst?
Das Immunsystem wird mit dem Alter tatsächlich schwächer – wie schnell das passiert, ist jedoch von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Lebensstilfaktoren spielen dabei eine Rolle, wenngleich für den Menschen noch wenig konkret belegt ist.
Welche Faktoren schwächen dein Immunsystem?
Mehrere Faktoren schwächen das Immunsystem nachweislich: Mängel an Vitamin A, Zink und Eisen sind am besten belegt, aber auch medizinische Behandlungen, chronischer Stress und intensive körperliche Belastung tragen dazu bei. Wer wegen einer HIV-Infektion oder nach einer Transplantation dauerhaft Immunsuppressiva nimmt, sollte Infektionsschutzmaßnahmen mit einer Ärztin oder einem Arzt absprechen.