Wie altert dein Immunsystem auf zellulärer Ebene, und kann ein Bluttest das vorhersagen?
Dein Immunsystem altert auf erkennbare Weise: Erschöpfte Abwehrzellen und eine schwelende Entzündung sind klar sichtbare Merkmale. Die Marker, auf denen ein Bluttest beruhen könnte, sind bereits gut beschrieben, doch einen standardisierten Test gibt es noch nicht.
Das Immunsystem altert auf zwei miteinander verbundenen Wegen. Erstens schrumpft der Thymus, das Organ, das neue Abwehrzellen produziert, mit zunehmendem Alter stark. Dadurch gelangen immer weniger frische, untrainierte Abwehrzellen ins Blut. Zweitens erschöpfen sich die vorhandenen Abwehrzellen: Sie verlieren ein Aktivierungsprotein auf ihrer Oberfläche und erwerben stattdessen mehr hemmende Proteine, was ihre Reaktion auf neue Bedrohungen abschwächt. Dieses Muster zeigt sich in mehreren Übersichtsarbeiten und größeren Analysen konsistent.
Eine direkte Folge davon ist Inflammaging: Erschöpfte und gealterte Zellen schütten Entzündungsbotenstoffe aus, die eine schwelende, anhaltende Entzündung erzeugen. Diese niedriggradige Entzündung ist mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und neurodegenerative Veränderungen im Alter verbunden. Eine weitere konkrete Folge ist, dass ältere Menschen schwächer auf Impfungen ansprechen, was wiederholt für die Grippeimpfung gezeigt wurde. Das sind zwei gut belegte praktische Konsequenzen der Immunoseneszenz.
Gealterte Abwehrzellen lassen sich grundsätzlich per Bluttest erfassen: Man kann in einer Blutprobe den Anteil erschöpfter Zellen, die Menge hemmender Proteine auf der Zelloberfläche und das Verhältnis frischer zu verbrauchter Abwehrzellen bestimmen. Zwei systematische Analysen sind dabei ehrlich: Die zugrundeliegenden Studien weichen in ihren Messmethoden und Protokollen zu stark voneinander ab, als dass sich die Ergebnisse sinnvoll vergleichen ließen. Beide Analysegruppen wiesen auf ein hohes Verzerrungsrisiko hin und konnten keine gemeinsame Statistik berechnen. Einen standardisierten, klinisch validierten Bluttest für Immunoseneszenz gibt es daher bislang nicht.
Auch die Telomerlänge in Abwehrzellen, also die schützenden Enden der Chromosomen, wurde als möglicher Marker untersucht. Das biologische Muster stimmt: Ältere Zellen haben kürzere Telomere. Die Streuung zwischen den Studien ist jedoch so groß, dass die Telomerlänge im klinischen Alltag derzeit kein verlässliches Maß ist.
Es gibt eine frühe Studie am Menschen zu einem Wirkstoff, der das gealterte Immunsystem möglicherweise verbessern kann. Niedrige Dosen einer dem Transplantationsmittel Rapamycin verwandten Substanz verbesserten das Ansprechen auf die Grippeimpfung bei älteren Menschen um etwa 20 Prozent. Die Studie wurde von Forschenden durchgeführt, die mit dem Hersteller verbunden waren, und unabhängige Folgestudien fehlen bislang.
Diese Antwort stützt sich auf mehrere Übersichtsarbeiten, zwei systematische Analysen und eine Studie am Menschen. Die beiden systematischen Analysen sind für die Frage nach Bluttests am unmittelbarsten relevant: Beide stießen auf so große Unterschiede in Messmethoden und Berichterstattung zwischen den Einzelstudien, dass eine gepoolte Statistik nicht möglich war. Die Forschenden selbst berichten ein hohes Verzerrungsrisiko und konnten deshalb keine eindeutigen Marker für den klinischen Einsatz benennen. Die biologischen Befunde zu erschöpften Abwehrzellen, Thymusschrumpfung und Inflammaging stehen auf solidem Fundament, doch der Schritt zu einem einsetzbaren Bluttest ist noch nicht getan.