Was ist ein Zytokinsturm?
Ein Zytokinsturm ist eine lebensbedrohliche Entgleisung des Immunsystems, bei der sich Signalmoleküle in einer sich selbst verstärkenden Spirale aufschaukeln und Organe schädigen. Wenn du an einer Erkrankung leidest oder eine Therapie erhältst, bei der dieses Risiko besteht, lohnt es sich zu wissen, welche frühen Symptome Ärztinnen und Ärzte als Warnsignal einordnen.
Ein Zytokinsturm entsteht, wenn das Immunsystem seine eigene Bremse verliert. Normalerweise halten angreifende und dämpfende Signalmoleküle die Entzündungsreaktion im Gleichgewicht. Kippt dieses Gleichgewicht, werden massenhaft Zytokine freigesetzt – Proteine, die weitere Immunzellen aktivieren, die ihrerseits noch mehr Zytokine produzieren. Dieser sich selbst verstärkende Kreislauf kann mehrere Organe gleichzeitig schädigen oder zum Tod führen.
Die ersten Symptome sind unspezifisch: Fieber, Erschöpfung, ein allgemeines Krankheitsgefühl. Das erschwert ein frühes Eingreifen erheblich. Bei einem vollständig entgleisten Zytokinsturm lecken Blutgefäße Flüssigkeit ins umliegende Gewebe, der Blutdruck fällt gefährlich ab, und die Lungen werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die meisten Menschen kennen den Begriff aus dem Kontext von COVID-19, wo schwer Erkrankte messbar erhöhte Entzündungswerte bei gleichzeitig verminderter Zahl an Abwehrzellen aufwiesen. Dieses Muster passt zu einem Zytokinsturm – allerdings sind die COVID-19-Studien vergleichsweise klein und arbeiteten mit unterschiedlichen Definitionen1,2.
Ein Zytokinsturm ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Endzustand, der bei verschiedensten Ursachen auftreten kann: schwere Infektionen, Autoimmunerkrankungen und als Nebenwirkung moderner Krebstherapien. Bei der CAR-T-Zelltherapie, bei der genetisch veränderte Immunzellen zur Krebsbekämpfung injiziert werden, tritt er nahezu regelhaft auf. Dafür hat sich der Begriff Zytokinfreisetzungssyndrom (CRS) eingebürgert. Der Schweregrad variiert: Leichtes CRS äußert sich nur durch Fieber, schweres CRS erfordert eine Intensivbehandlung3,4,5.
Wird CRS zu heftig, ist Tocilizumab die Standardbehandlung. Dieses Medikament blockiert das Signalmolekül IL-6, das eine zentrale Rolle in der Entzündungsspirale spielt. Es wirkt, doch der optimale Zeitpunkt der Gabe ist noch nicht genau definiert. Ärztinnen und Ärzte müssen zudem sorgfältig zwischen CRS und verwandten Syndromen wie dem Makrophagenaktivierungssyndrom unterscheiden, da sie sich ähneln, aber teils unterschiedliche Behandlungen erfordern6.
Die Aussagen stützen sich auf 6 PMID-Quellen. Die mechanistische Beschreibung und die diagnostische Überschneidung entstammen einem Übersichtsartikel (PMID 36233040). Die COVID-19-Daten sind assoziativ und stammen aus kleinen Studien (PMID 33058143, 34590796). CRS bei der CAR-T-Zelltherapie ist kausal in mehreren größeren klinischen Studien belegt (PMID 30586620, 38381673, 40681435).