Was hat die Schilddrüse mit dem Immunsystem zu tun?
Der Zusammenhang ist klar und gut beschrieben: Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen entstehen, weil das Immunsystem die Schilddrüse angreift. Ob dabei eine Unter- oder eine Überfunktion entsteht, hängt von der Art der Immunreaktion ab.
Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen sind die häufigsten organspezifischen Autoimmunerkrankungen überhaupt; ihre Häufigkeit wird auf rund 5 % geschätzt, Antikörper gegen die Schilddrüse kommen aber noch öfter vor. Frauen erkranken häufiger als Männer, was wahrscheinlich an Geschlechtshormonen und erblichen Faktoren auf dem X-Chromosom liegt. Die zwei bekanntesten Formen sind Hashimoto-Thyreoiditis (Schilddrüsenunterfunktion) und Morbus Basedow (Schilddrüsenüberfunktion).
Das eigentliche Problem ist, dass das Immunsystem die Schilddrüse als Feind behandelt. Immunzellen dringen ins Schilddrüsengewebe ein und bilden Antikörper gegen Schilddrüsenproteine. Bei Hashimoto zerstört dieser Prozess das Gewebe, sodass die Schilddrüse zu wenig Hormon produziert. Bei Morbus Basedow ahmen bestimmte Antikörper den Andockpunkt nach, der normalerweise die Hormonproduktion steuert, und treiben die Schilddrüse so zur Überproduktion an. Blockierende Varianten derselben Antikörper können umgekehrt eine Unterfunktion auslösen.
Was diesen Prozess am Laufen hält, ist eine sich selbst verstärkende Entzündungskaskade. Bestimmte Immunzellen (Th1-Zellen) stoßen Reaktionen an, die Schilddrüsenzellen zur Ausschüttung weiterer Entzündungsbotenstoffe veranlassen, die ihrerseits neue Immunzellen anlocken. Gewebeanalysen von Hashimoto-Patienten zeigen außerdem, dass Stützzellen im Schilddrüsengewebe aktiv Immunzellen rekrutieren und dass sich dort Mini-Lymphknoten bilden können, die die Entzündung befeuern. Diese Befunde stammen aus einer einzelnen Studie mit Gewebeproben von Menschen und sind in großen klinischen Studien noch nicht bestätigt.
Die Beziehung zwischen Immunsystem und Schilddrüse wirkt auch in die andere Richtung. Während der Schwangerschaft dominiert ein Immunmuster, das hilft, das Kind zu tolerieren. Nach der Geburt kippt dieses Gleichgewicht zurück, was bei manchen Frauen zu einer vorübergehenden Schilddrüsenentzündung führt. Zudem scheinen bestimmte Immunzellen selbst das Hormon produzieren zu können, das normalerweise aus dem Gehirn kommt und die Schilddrüse steuert, doch die praktische Bedeutung davon ist unklar.
Ein Teil der Hashimoto-Patienten hat auch dann noch Beschwerden, wenn die Hormonspiegel medikamentös korrigiert sind. Übersichtsarbeiten legen nahe, dass der Autoimmunprozess selbst dafür verantwortlich sein könnte, aber das bleibt eine Hypothese. Wer eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung hat, trägt zudem ein etwas erhöhtes Risiko für andere Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Lupus. Ein möglicher Zusammenhang mit einer bestimmten Form von Schilddrüsenkrebs wird diskutiert, gilt aber als umstritten.
Alle Aussagen stützen sich auf Reviews, darunter einige breite Übersichtsarbeiten. Randomisierte Studien oder Metaanalysen sind in den Quellen nicht enthalten. Die Gewebedaten zu Stützzellen und Makrophagen bei Hashimoto stammen aus einer einzelnen, nicht näher indizierten Studie mit Einzelzell-Gewebeanalyse.