Wird dein Immunsystem wirklich schwächer, je älter du wirst?
Das Immunsystem wird mit dem Alter tatsächlich schwächer – wie schnell das passiert, ist jedoch von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Lebensstilfaktoren spielen dabei eine Rolle, wenngleich für den Menschen noch wenig konkret belegt ist.
Ja, das Immunsystem lässt mit zunehmendem Alter tatsächlich nach. Diesen Prozess nennt man Immunoseneszenz. Sowohl T-Zellen als auch B-Zellen – beides Typen weißer Blutkörperchen, die Infektionen bekämpfen – arbeiten im Alter weniger effektiv. Auch das angeborene Immunsystem, die erste Verteidigungslinie des Körpers, baut ab. Ältere Menschen bekommen dadurch häufiger Infektionen, erkranken schwerer daran und sprechen schlechter auf Impfungen an.
Bei den T-Zellen kommt ein weiterer Mechanismus hinzu. Der Thymus, das Organ, in dem T-Zellen heranreifen, schrumpft mit dem Alter erheblich. Es werden deshalb weniger neue T-Zellen gebildet. Die verbleibenden T-Zellen verlieren zudem an Vielfalt und erkennen immer weniger verschiedene Krankheitserreger. Gleichzeitig werden die Mitochondrien – die Energiezentralen der Zellen – zunehmend geschädigt. Das erhöht das Risiko für Infektionen und Krebs und begünstigt Autoimmunreaktionen, bei denen der Körper sich selbst angreift.
Die Immunalterung birgt ein Paradox. Einerseits wird die Abwehr gegen Infektionen schwächer, andererseits entsteht eine chronische, schwelende Entzündung, die nicht mehr abklingt. Forschende nennen dieses Phänomen "Inflammaging". Diese dauerhaft leichte Entzündungsaktivität hängt mit altersbedingten Erkrankungen wie Demenz, Gelenkbeschwerden und Typ-2-Diabetes zusammen. Ein bestimmter Entzündungsbotenstoff stört dabei auch den Energiestoffwechsel in bestimmten Hirnzellen; eine Blockade dieses Botenstoffs verbesserte bei Mäusen sowohl die Immunfunktion als auch das Gedächtnis, doch dazu gibt es bisher nur Mäusedaten.
Nicht alle Menschen altern immunologisch gleich schnell. Eine Studie, die 135 gesunde Erwachsene über neun Jahre begleitete, zeigte, dass das biologische Immunalter ein besserer Vorhersagewert für die Sterblichkeit war als das kalendarische Alter. Zwei gleichaltrige Menschen können sich also in einem völlig unterschiedlichen Immunzustand befinden. Der Lebensstil spielt dabei eine Rolle: Bei Ratten verlangsamte Kalorienreduktion die Immunalterung und dämpfte die chronische Entzündung.
Die Befunde stützen sich auf mehrere große Übersichtsarbeiten und mechanistische Studien. Der Abbau von T- und B-Zellfunktion sowie Inflammaging sind gut dokumentiert. Die individuelle Variabilität der Immunalterung basiert auf einer einzigen Studie mit 135 Teilnehmenden (assoziativ). Kalorienrestriktion und der PGE2-Mechanismus stammen aus Tierversuchen und wurden bislang nicht auf den Menschen übertragen.