Ihre biologische Uhr tickt schneller als gedacht - und Wissenschaftler können das jetzt messen
Stellen Sie sich eine Uhr vor, die nicht die Tageszeit anzeigt, sondern das biologische Alter. Genau das haben Wissenschaftler entwickelt - epigenetische Uhren - und neue Forschungsergebnisse zeigen, dass die Geschwindigkeit, mit der diese Uhren laufen, weit mehr zählt als jede einzelne Messung. Je schneller die biologische Uhr vorwärtstickert, desto größer das Risiko, vorzeitig zu sterben. Ein ernüchternder Befund - der zugleich überraschend viel Hoffnung lässt.
Was sind epigenetische Uhren?
Die DNA selbst verändert sich im Laufe eines Lebens kaum, doch die Art, wie Gene an- und abgeschaltet werden, ist einem ständigen Wandel unterworfen. Dieser Vorgang wird als Epigenetik bezeichnet. Wissenschaftler haben Muster in diesen molekularen Schaltern identifiziert, die das biologische Alter eines Menschen präzise widerspiegeln - mitunter sehr abweichend vom kalendarischen Alter. Ein 50-Jähriger kann biologisch betrachtet 45 sein oder eher 60. Diese Messgröße bezeichnen Forscher als epigenetische Uhr; mittlerweile existieren mehrere Varianten, darunter die bekannte Horvath-Uhr und PhenoAge.
Bislang wurden diese Uhren stets zu einem einzigen Zeitpunkt abgelesen: Blutprobe nehmen, biologisches Alter berechnen, mit dem chronologischen Alter vergleichen. Zwei neue Studien, veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift Nature Aging, gehen einen Schritt weiter. Die Teilnehmer wurden über mehrere Jahre hinweg beobachtet und wiederholt gemessen, sodass die Forscher nicht nur den aktuellen Stand bestimmen, sondern auch die Veränderungsgeschwindigkeit verfolgen konnten.
Beschleunigtes Altern sagt frühere Sterblichkeit voraus
Die Ergebnisse sind bemerkenswert eindeutig. Menschen, deren epigenetische Uhren im Laufe der Jahre schneller vorankamen - deren biologisches Altern sich also beschleunigte - hatten ein deutlich erhöhtes Risiko, früher zu sterben. Dieser Zusammenhang blieb bestehen, unabhängig von Faktoren wie Rauchen, Körpergewicht oder bestehenden Erkrankungen. Eine der Studien verfolgte Teilnehmer aus einer großen europäischen Kohorte über bis zu 24 Jahre. Die andere stützte sich auf Daten der bekannten InCHIANTI-Studie, einer langjährigen italienischen Untersuchung zum Thema Altern. Beide kamen zum gleichen Schluss: Die Veränderungsrate über die Zeit ist ein stärkerer Prädiktor für die Sterblichkeit als jede einmalige Messung.
Was bedeutet das in der Praxis? In vielerlei Hinsicht sind das gute Nachrichten - auch wenn sie sich zunächst nicht so anfühlen. Denn biologisches Altern ist kein festgelegtes Ziel. Es ist ein dynamischer Prozess, den man tatsächlich beeinflussen kann. Wer durch Lebensstil, Ernährung, Bewegung, Schlaf und Stressabbau dafür sorgt, dass die eigene Uhr langsamer tickt, gestaltet sein biologisches Alter aktiv mit. Künftige Gesundheitsstudien werden sich voraussichtlich nicht mehr mit Momentaufnahmen begnügen, sondern die individuelle Alterungsrate wie ein persönliches Armaturenbrett verfolgen. Dorthin entwickelt sich die Wissenschaft - und das eröffnet die Möglichkeit wirklich personalisierter Strategien für ein gesundes Altern.