Patienten mit Muskelkrankheit leben fünf Jahre länger als die Allgemeinbevölkerung
Menschen mit einer seltenen Muskelkrankheit leben im Durchschnitt fünf Jahre länger als die Allgemeinbevölkerung. Das klingt paradox: Die Erkrankung verursacht Muskelschwäche und kann lebensbedrohlich sein. Dennoch zeigt eine neue Studie diesen Vorteil konsistent auf -- und niemand weiß bislang genau, warum.
Forscher verglichen Patienten mit Myasthenia gravis und Multipler Sklerose anhand von Daten aus vier US-amerikanischen Staatsdatenbanken. Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Rezeptoren an der Verbindungsstelle zwischen Nerv und Muskel blockiert oder zerstört, was zu wechselnder Muskelschwäche führt. Die Forscher stießen dabei auf ein unerwartetes Muster: Patienten mit Myasthenia gravis lebten deutlich länger als die Allgemeinbevölkerung. Die Autoren bezeichnen diesen Befund als hypothesengenerierend -- eine Erklärung fehlt bislang.
Drei mögliche Erklärungen
Eine Hypothese lautet, dass gängige Medikamente, darunter Acetylcholinesterase-Hemmer und Immunsuppressiva, einen günstigen Nebeneffekt auf die Sterblichkeit im höheren Alter haben. Eine zweite Möglichkeit: Die regelmäßige ärztliche Überwachung bei chronisch Kranken führt dazu, dass andere Risiken früher erkannt werden. Eine dritte Überlegung ist biologischer Natur: Diese Patientengruppe könnte eine genetische oder immunologische Besonderheit teilen, die sowohl die Krankheit als auch eine höhere Lebenserwartung begünstigt.
Ähnliche Rätsel kennt die Medizin durchaus. Patienten, die Bisphosphonate gegen Osteoporose einnahmen, lebten ebenfalls länger als erwartet. Später stellte sich heraus, dass diese Medikamente möglicherweise sogenannte seneszente Zellen -- also gealterte, funktionslose Zellen -- aus dem Körper entfernen, ein Vorgang, den Forscher als Senolyse bezeichnen. Ob ein vergleichbarer Mechanismus bei Myasthenia gravis eine Rolle spielt, ist spekulativ.