Teenager kooperieren weniger als Erwachsene – und das liegt nicht nur an der Gehirnentwicklung
Dass Jugendliche weniger kooperieren als Erwachsene, ist seit Langem bekannt. Neue Forschungsergebnisse zeigen nun, was dabei im Inneren vorgeht: Sie können nicht nur schlechter einschätzen, was andere denken – sie stellen ihre eigenen Interessen auch systematisch über den gemeinsamen Gewinn.
Die in eLife veröffentlichte Studie ließ Jugendliche und Erwachsene ein wiederholtes Gefangenendilemma spielen – ein klassisches spieltheoretisches Experiment, bei dem die Teilnehmer zwischen Kooperation und Verrat zugunsten des eigenen Vorteils auf Kosten des anderen wählen. Kooperation erzeugt das beste gemeinsame Ergebnis, erfordert aber Vertrauen. Teenager kooperierten weniger konsequent, selbst nach positiven Erfahrungen mit dem Gegenüber. Das legt nahe, dass das Problem nicht nur die Fähigkeit, sondern auch die Motivation betrifft.
Bisher wurde die geringere Kooperationsbereitschaft Jugendlicher vor allem auf ein noch nicht vollständig entwickeltes Mentalisieren zurückgeführt – also die Fähigkeit, Gedanken und Absichten anderer zu modellieren. Der präfrontale Kortex, die dafür zuständige Hirnregion, reift erst um das 25. Lebensjahr vollständig aus. Die Studie fügt jedoch eine weitere Ebene hinzu: Selbst wenn Teenager die kooperative Absicht eines Partners erkennen konnten, entschieden sie sich häufiger dafür, sich selbst zu bevorzugen. Die innere Abwägung unterscheidet sich – nicht nur die kognitive Fähigkeit, sie vorzunehmen.
Was das über jugendliches Verhalten aussagt
Diese Unterscheidung ist bedeutsam dafür, wie Risiko- und Sozialentscheidungen im Jugendalter einzuordnen sind. Wäre die geringere Kooperationsbereitschaft rein auf neuronale Unreife zurückzuführen, würde es genügen, mehr Informationen bereitzustellen oder das Bewusstsein zu schärfen. Wenn Eigeninteresse hingegen als eigenständiger Faktor wirkt, sind andere Ansätze gefragt: Kontexte zu schaffen, in denen Kooperation natürlicher erscheint oder ihre Vorteile unmittelbarer und greifbarer sind.
Die Studie ergab außerdem, dass Teenager auf vorangegangenen Verrat ihres Partners deutlich stärker reagierten. Schon eine einzige Enttäuschung ließ sie anschließend erheblich seltener kooperieren. Erwachsene erholten sich von solchen Erlebnissen weitaus schneller. Dieses Muster könnte auf eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber sozialer Zurückweisung oder Verlusten im Jugendalter hinweisen – was mit dem bisherigen Wissen über jugendliches Verhalten übereinstimmt, nun aber durch präzisere mechanistische Belege gestützt wird.
Warum das über die Jugend hinaus bedeutsam ist
Soziale Eingebundenheit und die Qualität sozialer Beziehungen gehören zu den am zuverlässigsten belegten Faktoren für gesundes Altern und Langlebigkeit. Die Bereitschaft zur Kooperation und die ihr zugrunde liegende Gehirnbiologie beginnen sich in der Jugend zu formen. Wer diesen Entwicklungsverlauf versteht, kann möglicherweise besser erklären, warum manche Menschen im späteren Leben stärker sozial integriert sind und welche Mechanismen diesem Unterschied zugrunde liegen. Die Wurzeln sozialer Gesundheit im Alter werden früher gelegt, als die Forschung lange angenommen hat.