Gibt es eine sichere Menge Alkohol?
Wer sein Gesundheitsrisiko minimieren will, ist mit vollständiger Abstinenz am besten beraten. Große internationale Gesundheitsorganisationen erkennen keinen sicheren Grenzwert an, und selbst mäßiger Konsum geht in großangelegten Studien mit einem leicht erhöhten Sterberisiko im Vergleich zu lebenslanger Abstinenz einher.
Die WHO, die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) und die American Cancer Society stufen Alkohol als starkes Karzinogen ein. Eine nachweislich sichere Menge existiert nicht – das gilt für alle Menschen und erst recht für Schwangere.1,2,3,4
Lange hielt sich die Vorstellung, ein Glas pro Tag sei gut fürs Herz. Ältere Studien legten nahe, dass mäßige Trinker seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln als Menschen, die nie trinken. Dieses Bild ist jedoch wahrscheinlich verzerrt: Ehemalige Trinker, die aus gesundheitlichen Gründen aufgehört hatten, wurden in älteren Analysen fälschlicherweise der Gruppe der Niemals-Trinker zugerechnet, was diese Gruppe kränker aussehen ließ als sie war. Gut kontrollierte Studien, die einen echten Herzschutz belegen könnten, fehlen bis heute. Außerdem stünde jeder vermeintliche Herznutzen einem nachgewiesenen erhöhten Risiko für Krebs, Schlaganfall und Herzrhythmusstörungen bei denselben Mengen gegenüber.1,4
Die große norwegische HUNT-Studie mit knapp 25.000 Teilnehmenden und einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 16,6 Jahren zeigt, dass ein steigender Alkoholkonsum über zehn Jahre mit einem signifikant höheren Sterberisiko einhergeht. Selbst Menschen, die ihr Leben lang abstinent gelebt hatten und dann innerhalb der offiziell empfohlenen Grenzen zu trinken begannen, wiesen bereits ein rund 20 % höheres Sterberisiko auf als dauerhaft Abstinente. Auch 'verantwortungsvoller Konsum' ist also nicht ohne Risiko.5
Dieselbe Studie deutet darauf hin, dass eine gute körperliche Fitness die negativen Auswirkungen von Alkohol etwas abzumildern scheint. Fitness erwies sich sogar als stärkerer Prädiktor für die Sterblichkeit als Alkoholkonsum. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sport Alkohol sicher macht – es bedeutet lediglich, dass gute körperliche Kondition schützend wirkt, unabhängig davon, ob man trinkt oder nicht.
Beim Rotwein hält sich die Idee, bestimmte Pflanzenstoffe böten zusätzlichen Schutz, besonders im Rahmen einer mediterranen Ernährung. Studien belegen zwar Vorteile dieser Ernährungsweise insgesamt, nicht aber, dass diese Vorteile vom Alkohol oder vom Wein selbst stammen. Beim Krebsrisiko bildet Rotwein keine Ausnahme.4,1 Für Schwangere gilt eine absolute Grenze: Es gibt keine sichere Menge und keinen sicheren Zeitpunkt. Alkohol gelangt über die Plazenta direkt zum Ungeborenen und zählt zu den am besten vermeidbaren Ursachen von Entwicklungsverzögerungen und angeborenen Fehlbildungen.6,7
Die Aussagen stützen sich auf große Kohortenstudien am Menschen, darunter die norwegische HUNT-Studie mit rund 25.000 Teilnehmenden, auf offizielle Stellungnahmen von WHO, IARC und der American Cancer Society sowie auf ein klassisches Review aus dem Jahr 1984. Gut kontrollierte Studien zum direkten Einfluss von Alkohol auf Sterblichkeit und Krebs fehlen nahezu vollständig. Die Kohortenstudien haben bekannte Einschränkungen: Störvariablen lassen sich schwer ausschließen, und in älteren Studien wurden ehemalige Trinker fälschlicherweise den Niemals-Trinkern zugeordnet.