Ist grüner Tee wirklich so gesund, wie behauptet wird?
Grüner Tee als tägliches Getränk ist für die meisten Menschen unbedenklich, und es gibt vielversprechende Hinweise auf Vorteile für das Herz-Kreislauf-System. Die Evidenz stützt sich jedoch überwiegend auf Beobachtungs- und Laborstudien, nicht auf klinisch belegte Effekte.
Grüner Tee enthält hohe Konzentrationen an Catechinen, vor allem EGCG, die in Zell- und Tierstudien eine ausgeprägte antioxidative Wirkung zeigen. Im menschlichen Körper ist dieser Effekt weniger eindeutig: Der Darm nimmt Catechine nur begrenzt auf, weshalb der Schritt vom Labor zum Menschen keineswegs selbstverständlich ist.
Mehrere Übersichtsarbeiten berichten über einen Zusammenhang zwischen regelmäßigem Grünteekonsum und einem niedrigeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Beobachtungsstudien: Menschen, die viel grünen Tee trinken, leben möglicherweise auch sonst gesünder. Große randomisierte Studien, die Ursache und Wirkung belegen, fehlen weitgehend.
Die Hoffnung, dass grüner Tee Krebs vorbeugen könnte, stützt sich größtenteils auf Zell- und Tierstudien, in denen Grüntee-Polyphenole Krebszellen tatsächlich hemmen. Dazu gibt es bisher kaum belastbare Daten am Menschen. Ähnliches gilt für Hautschutz sowie einen möglichen Schutz vor Nierensteinen, bakteriellen Infektionen und Karies: Hinweise existieren, die Beweiskraft ist jedoch schwach.
Die Aminosäure L-Theanin in grünem Tee zeigte in einer systematischen Auswertung von 9 randomisierten klinischen Studien einen messbaren Effekt auf Stress und Angst, bei einer Tagesdosis von 200 bis 400 mg. Eine Tasse grüner Tee liefert nur einen Bruchteil davon, sodass normales Teetrinken diese Mengen kaum erreicht.
Bei üblichem Teekonsum sind ernsthafte Nebenwirkungen selten. Bei hohen Dosen EGCG-haltiger Nahrungsergänzungsmittel können sie jedoch auftreten, bis hin zu Leberschäden. Seit Ende 2022 gilt in der EU deshalb eine gesetzliche Obergrenze: Grüntee-Extrakte mit 800 mg EGCG oder mehr pro Tagesdosis sind verboten, Produkte mit EGCG müssen vor möglichen Leberschäden warnen und sind nicht für Schwangere, Stillende oder Kinder geeignet. Für gewöhnliches Teetrinken gelten diese Einschränkungen nicht.
Die Aussagen beruhen auf mehreren Übersichtsarbeiten sowie einer systematischen Metaanalyse randomisierter klinischer Studien (L-Theanin). Der Großteil der Forschung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs basiert auf Beobachtungsstudien; große randomisierte klinische Studien am Menschen fehlen weitgehend. Zell- und Tierstudien sind zahlreich, lassen sich aber nicht direkt auf den Menschen übertragen.