Kann man an der eigenen DNA erkennen, für welche Krankheiten man ein erhöhtes Risiko hat – und wie wird das gemessen?
DNA und bestimmte Blutproteine geben einen brauchbaren Einblick in die Veranlagung für Herzerkrankungen und andere häufige Leiden – bei Menschen nicht-europäischer Herkunft sind diese Scores allerdings weniger verlässlich.
Ja, das ist möglich. Die gängigste Methode ist der polygene Risikoscore: Dabei werden die Effekte von bisweilen mehr als einer Million kleiner DNA-Varianten zu einem einzigen Wert zusammengerechnet. Je höher dieser Wert, desto größer die genetische Veranlagung. Bei Herzerkrankungen hatten die 20 % mit dem höchsten Score ein mehr als vierfach erhöhtes Risiko gegenüber den 20 % mit dem niedrigsten Score1. Für fünf Erkrankungen gleichzeitig – darunter Vorhofflimmern, Typ-2-Diabetes und Brustkrebs – ließ sich bei 1 bis 8 Prozent der Bevölkerung ein mehr als dreifach erhöhtes Risiko identifizieren2.
Zwei ernsthafte Einschränkungen gibt es. Die meisten Scores wurden auf Basis von Daten europäischstämmiger Menschen entwickelt – bei Menschen anderer Herkunft sind sie weniger präzise und können sogar in die Irre führen3. Außerdem handelt es sich stets um Wahrscheinlichkeiten, niemals um Gewissheiten: Ein hoher Score bedeutet nicht, dass man die Krankheit zwangsläufig bekommt.
Neben der DNA lassen sich auch Proteine im Blut messen. Proteine sind die Stoffe, die deine Gene herstellen; ihr Vorkommen spiegelt wider, was in deinen Organen gerade passiert. Die Messung von 5 bis 20 Proteinen sagte das 10-Jahres-Risiko für 67 verschiedene Erkrankungen besser voraus als Standarddaten aus der Arztpraxis allein4. Mit demselben Ansatz lässt sich erkennen, welche Organe schneller altern als erwartet. Bei knapp 20 % der Menschen altert ein Organ deutlich beschleunigt – das erhöht die Sterbewahrscheinlichkeit um 20 bis 50 %. Bei beschleunigter Herzalterung stieg das Risiko für Herzinsuffizienz sogar um 250 %5.
DNA und Proteine gemeinsam liefern noch schärfere Vorhersagen. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes sagte ein Modell auf Basis von neun Proteinen, die sowohl mit Diabetes als auch mit Herzerkrankungen in Verbindung stehen, künftige Herzprobleme besser vorher als DNA-Daten oder medizinische Befunde für sich allein6.
Eine ganz andere Anwendung ist die Sequenzierung des vollständigen Erbguts bei Neugeborenen, um seltene, schwerwiegende Mutationen in einem einzelnen Gen aufzuspüren. Die Interpretation ist dabei komplex: Längst nicht alle gefundenen Varianten haben eine eindeutige Bedeutung, und es ist ethisch heikel, was man Eltern zurückmeldet, wenn Risiken erst im späteren Leben relevant werden7. Dazu liegen bisher nur begrenzte Langzeitdaten vor.
Basierend auf 7 Aussagen mit PMIDs: 30309464, 30104762, 31765077, 39039249, 38057571, 40087642, 30576641. Drei Aussagen stützen sich auf große Kohortenstudien (starke Evidenzqualität), zwei auf mäßige Evidenz, zwei auf mäßige Evidenz mit ethischen Überlegungen. Alle Befunde sind assoziativ; keine der DNA- oder Proteinmessungen ist im interventionellen Sinne kausal belegt.