Kann man im Alter verlorene Muskelmasse zurückgewinnen?
Ja, verlorene Muskelmasse lässt sich im Alter zurückgewinnen, aber je früher du damit anfängst, desto besser gelingt es. Krafttraining ist der Grundpfeiler; ausreichend Protein (etwa 1,2 bis 1,6 g/kg/Tag) verstärkt den Effekt ein Stück weit.
Verlorene Muskelmasse im Alter zurückzugewinnen ist grundsätzlich möglich, hängt aber stark davon ab, wie weit der Muskelschwund bereits fortgeschritten ist. Bei Menschen mit frühem Muskelverlust kehrte knapp ein Viertel innerhalb eines Jahres spontan in den Normalbereich zurück. Bei fortgeschrittenem Muskelverlust gelang eine vollständige Erholung nur bei einer von sechzig Personen, immerhin verbesserte sich etwas mehr als eine von acht in ein leichteres Stadium. Frühzeitiges Handeln macht also einen erheblichen Unterschied.
Krafttraining ist mit Abstand der am besten belegte Ansatz. Es regt die Muskelproteinsynthese an und wirkt auch nach Phasen erzwungener Inaktivität durch Krankheit oder Krankenhausaufenthalt. Ältere Menschen erholen sich allerdings langsamer als jüngere, weil der Muskel mit zunehmendem Alter schlechter auf Ernährung und Training anspricht. Das bedeutet: zusätzliche Inaktivität wie Bettruhe bei Krankheit führt schnell zu Verlusten, die anschließend mühsam zurückerkämpft werden müssen.
Ausreichend Protein zu essen verstärkt den Effekt von Krafttraining, wenn auch in bescheidenem Maß. Für Menschen ab 65 Jahren scheinen 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu genügen, um einen kleinen, aber messbaren Zusatzeffekt auf Muskelmasse und Beinkraft zu erzielen. Protein ohne Krafttraining bringt kaum etwas; die Kombination ist entscheidend.
Kreatin (3 bis 5 Gramm pro Tag) kann den Effekt von Krafttraining bei Älteren leicht verstärken, vermutlich weil es höhere Trainingsintensitäten und eine schnellere Erholung unterstützt. Ohne Training bewirkt es für sich allein wenig. Zu beachten: Mehrere Forschende hinter den Kreatin-Studien haben finanzielle Verbindungen zu Kreatinherstellern, weshalb diese Schlussfolgerungen mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten sind. L-Carnitin zeigt vorläufige Hinweise, doch die Evidenz ist dünn, und das einzige vorhandene Review wurde von einem Hersteller des Produkts finanziert.
Nicotinamid (eine Form von Vitamin B3) und Pyridoxin (Vitamin B6) gemeinsam scheinen in Tier- und Laborstudien Muskelstammzellen zu aktivieren und die Erholung zu beschleunigen. Ob das auch beim Menschen funktioniert, ist bislang nicht belegt. Das ist derzeit kein Grund zur Supplementierung.
Die Evidenz für Krafttraining ist stark und kausal. Die Evidenz für Proteinzufuhr ist mäßig (Metaanalyse). Die Evidenz für Kreatin ist mäßig, steht jedoch unter dem Vorbehalt von Interessenkonflikten. Die Evidenz für L-Carnitin ist begrenzt und ebenfalls mit Industriefinanzierung verbunden. Die Evidenz für Nicotinamid und Pyridoxin beschränkt sich auf Tier- und Laborforschung.