Lässt sich die Alterung des Immunsystems verlangsamen?
Die Folgen eines gealterten Immunsystems lassen sich teilweise begrenzen, vor allem durch klüger konzipierte Impfstoffe wie adjuvanziengestärkte Grippeimpfstoffe und möglicherweise den Gürtelroseimpfstoff. Ob sich die Alterung selbst verlangsamen lässt, bleibt eine offene Frage.
Das Immunsystem verändert sich bereits früh im Leben, nicht erst im hohen Alter. Eine große Studie mit mehr als 300 gesunden Erwachsenen zwischen 25 und 90 Jahren zeigte, dass T-Zellen schon in jüngeren Jahren anders programmiert werden und dass Gedächtnis-T-Zellen ein verschobenes Profil entwickeln, das weniger gut mit B-Zellen zusammenarbeitet. Ältere Menschen reagieren dadurch merklich schwächer auf Impfungen, etwa auf das saisonale Grippeimpfstoff. Dieses Muster ließ sich nicht allein durch chronische Entzündungen oder eine frühere Herpesvirusinfektion erklären; es scheint ein grundlegender Bestandteil des Alterungsprozesses zu sein.
Diese Veränderungen haben reale Folgen. Ältere Menschen werden anfälliger für schwere Infektionen, und ihre angeborene Immunabwehr verlangsamt sich: Immunzellen wandern weniger zügig zum Infektionsherd, bekämpfen Krankheitserreger weniger effektiv und schütten Entzündungsbotenstoffe auf eine Art aus, die nicht mehr optimal auf Bedrohungen reagiert. Gleichzeitig schwelt eine niedriggradige chronische Entzündung durch den Körper, ein Phänomen, das Forschende als 'Inflammaging' bezeichnen. Dieses stille, anhaltende Feuer trägt zur Anfälligkeit für verschiedenste Erkrankungen bei.
Impfstoffe, die auf die gealterte Immunabwehr zugeschnitten sind, helfen nachweislich. Impfstoffe mit zusätzlichen immunstimulierenden Substanzen, sogenannten Adjuvanzien, haben sich bei älteren Menschen bislang am konsistentesten als wirksam erwiesen. Hochdosis-Grippeimpfstoffe bieten besseren Schutz als die Standardvariante. mRNA-Impfstoffe lösen auch bei älteren Menschen starke Immunantworten aus, die jedoch geringer ausfallen als bei Jüngeren.
Ein unerwarteter Befund verdient besondere Aufmerksamkeit: Die Gürtelroseimpfung scheint über den reinen Schutz vor Gürtelrose hinauszugehen. Ein Quasi-Experiment in Australien, bei dem eine Gruppe knapp Anspruch auf den kostenlosen Impfstoff hatte und die andere knapp nicht, stellte fest, dass Geimpfte über mehr als sieben Jahre eine fast zwei Prozentpunkte niedrigere Wahrscheinlichkeit einer neuen Demenzdiagnose aufwiesen. Das bestätigt eine frühere Studie aus Wales. Ergänzende Beobachtungsstudien fanden zudem, dass Geimpfte niedrigere Entzündungswerte hatten und biologisch langsamer alterten, wobei solche Studien keinen Kausalzusammenhang belegen können. Ob der Gürtelroseimpfstoff die biologische Alterung tatsächlich verlangsamt oder andere Faktoren eine Rolle spielen, ist noch nicht geklärt.
Basierend auf zwei großen Kohorten- und Bevölkerungsstudien, drei systematischen Reviews bzw. Übersichtsartikeln zu Immunoseneszenz und Impfantwort sowie einer quasi-experimentellen Studie zur Gürtelroseimpfung und Demenz. Keine randomisierten Studien, die speziell auf die Verlangsamung der Immunoseneszenz als primären Endpunkt ausgerichtet sind.