Schützen Lycopin und Tomaten vor Prostatakrebs?
Es gibt Hinweise, dass Tomaten und Lycopin das Prostatakrebsrisiko senken könnten, doch große klinische Studien fehlen noch; iss ruhig mehr Tomaten, verlasse dich aber nicht blind auf Lycopin-Nahrungsergänzungsmittel als Prävention.
Tomaten und Lycopin stehen seit Jahrzehnten im Fokus der Prostatakrebsforschung. In Zell- und Tierversuchen hemmt Lycopin das Wachstum von Prostatakrebszellen konsistent und messbar. In Mausstudien – sowohl mit implantierten als auch genetisch induzierten Tumoren – sank die Tumoraktivität bei höherer Lycopinzufuhr, wobei das genaue Ausmaß je nach Dosis und Modell variiert.
In großen Bevölkerungsstudien und Fall-Kontroll-Untersuchungen weisen Männer mit hohem Tomatenverzehr im Schnitt ein geringeres Prostatakrebsrisiko auf. Dasselbe Muster zeigt sich bei mediterraner oder pflanzlich geprägter Ernährung, die reich an Antioxidantien – darunter Lycopin – ist. Das ist ein deutlicher Hinweis, aber noch kein Beweis dafür, dass Tomaten kausal schützen: Möglicherweise pflegen starke Tomatenverzehrende schlicht auch in anderen Bereichen einen gesünderen Lebensstil.
Wie könnte Lycopin schützend wirken? Das Molekül neutralisiert im Labor aktiv freie Radikale – aggressive Verbindungen, die Zellen schädigen und möglicherweise zur Krebsentstehung beitragen. Ob dieser Mechanismus im menschlichen Körper genauso stark greift wie im Reagenzglas, ist bislang nicht gesichert.
Der entscheidende Punkt: Große randomisierte Studien, in denen Teilnehmer zufällig Lycopin oder ein Placebo erhielten, fehlen bis heute. Zudem widersprechen sich bestehende Studien teilweise. Die Evidenz reicht daher nicht aus, um Lycopin-Nahrungsergänzungsmittel gezielt zur Prostatakrebsprävention zu empfehlen. Ein eigenständiger klinischer Effekt wurde allerdings bei Männern mit gutartiger Prostatavergrößerung beobachtet: Ein Kombinationspräparat aus Lycopin, Selen und einem Pflanzenextrakt reduzierte Entzündungen im Prostatagewebe und linderte Blasenentleerungsprobleme. Gutartige Prostatavergrößerung und Prostatakrebs sind jedoch zwei verschiedene Erkrankungen.
Das konkreteste Fazit: Zwei bis drei Portionen Tomatenprodukte pro Woche passen problemlos in eine gesunde Ernährung und bergen keinerlei Risiko. Wer Lycopin-Präparate allein zur Prostatakrebsvorbeugung in Betracht zieht, setzt auf ein Versprechen, das die klinische Evidenz bislang nicht vollständig einlöst.
Basierend auf Zell- und Tiermodellen, epidemiologischen Studien und Fall-Kontroll-Untersuchungen (PMID 16556016, 29311132, 27840359, 31577095, 35278075, 12505290, 15195123, 11464107). Große randomisierte klinische Studien am Menschen fehlen.