Lässt dein Immunsystem mit dem Alter wirklich nach?
Das Immunsystem schwächt sich mit dem Alter nachweislich ab, doch Impfungen bleiben wirksam und eine gute Nährstoffversorgung kann weiterem Verlust entgegenwirken.
Ja, das Immunsystem lässt mit dem Alter nachweislich nach. Sowohl die schnelle angeborene Abwehr als auch die gezielte, im Laufe des Lebens aufgebaute adaptive Immunantwort nehmen schrittweise ab. Fachleute bezeichnen diesen Prozess als Immunseneszenz. Die Folge: Ältere Menschen erkranken häufiger an Infektionen und sprechen schlechter auf Impfungen an.
Zwei Typen weißer Blutkörperchen tragen am stärksten zu diesem Rückgang bei. T-Zellen, die Erreger direkt bekämpfen, nehmen in Zahl und Wirksamkeit ab. B-Zellen, die Antikörper produzieren, tun das in geringerem Maß und reagieren langsamer. Wie groß dieser Unterschied werden kann, zeigt die Grippeimpfung besonders deutlich: Bei 60- bis 70-Jährigen bilden sich bei etwa der Hälfte schützende Antikörper, bei 70- bis 80-Jährigen noch bei 31 Prozent und bei Menschen über 80 nur noch bei 11 Prozent. Trotzdem lohnt die Impfung auch im hohen Alter: Auf Bevölkerungsebene sinkt das Risiko für eine Lungenentzündung um die Hälfte, das Sterberisiko durch Grippe um rund 70 Prozent.
Neben der geschwächten Abwehr entsteht ein scheinbares Paradox: Der Körper entwickelt gleichzeitig eine anhaltend leichte chronische Entzündung. Dieses Phänomen heißt Inflammaging. Das Immunsystem läuft gewissermaßen dauerhaft auf Sparflamme, was zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und neurodegenerativen Veränderungen wie Demenz beiträgt. Geschwächter Schutz und niedriggradige Entzündung existieren also nebeneinander.
Ernährung kann dabei eine Rolle spielen. Mängel an Vitaminen wie D, B6 und B12 sowie an Zink und Selen schwächen das ohnehin nachlassende Immunsystem Älterer weiter. Einen Mangel auszugleichen kann helfen, allerdings wurde die zugrunde liegende Forschung teilweise von einem Multivitaminhersteller mitfinanziert, was die Ergebnisse verzerren kann.
Hundertjährige zeigen, dass Immunalterung nicht für alle gleich verläuft. Manche Forschenden vermuten, dass ein Teil der chronischen niedriggradigen Entzündung sogar eine Anpassung ist, die ein langes Leben erst ermöglicht. Das ist Gegenstand laufender Debatten.
Diese Antwort stützt sich auf mehrere große Übersichtsarbeiten von Immunologen, die Jahrzehnte an Forschung zusammenfassen. Die Alterung von T- und B-Zellen sowie die abnehmende Impfantwort gelten als gut belegte Fakten. Der mögliche schützende Aspekt von Inflammaging bei Hundertjährigen ist vorläufig und umstritten. Die konkreten Zahlen zu Nahrungsergänzungsmitteln stammen aus einem einzigen Übersichtsartikel, der teilweise von der Industrie finanziert wurde.
Schwächt sich dein Immunsystem mit dem Alter wirklich ab, und kannst du etwas dagegen tun?
Dein Immunsystem schwächt sich mit dem Alter nachweislich ab, doch gesunde Ernährung und Bewegung können die damit einhergehende schwelende Entzündung dämpfen. Auf Medikamente gegen gealterte Zellen zu setzen ist noch zu früh.
Wie stärke ich mein nachlassendes Immunsystem?
Du kannst dein Immunsystem teilweise stärken, indem du gemessene Vitamin- und Mineralstoffmängel ausgleichst und auf speziell für ältere Menschen entwickelte Impfstoffe setzt. Weitergehende Optionen wie experimentelle Hemmstoffe sind außerhalb klinischer Studien noch nicht sicher genug für den regelmäßigen Einsatz.
Stärkt ausreichend Protein die Immunabwehr im Alter?
Ausreichend Protein stärkt deine Immunabwehr im Alter. Strebe dauerhaft mindestens 1,0 bis 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich an, verteilt über deine Mahlzeiten, und decke das möglichst über normale Lebensmittel.
Kann Luftverschmutzung dein Immunsystem schwächen?
Luftverschmutzung stört das Immunsystem auf mehreren Ebenen gleichzeitig: mehr Anfälligkeit für allergische Reaktionen, weniger Schutz gegen Viren. Reduziere deine Belastung so weit wie möglich – besonders in der Schwangerschaft.
Schwächt zu wenig Schlaf dein Immunsystem?
Ja, zu wenig Schlaf schwächt deine Immunabwehr nachweislich und erhöht das Risiko für Infektionen und chronische Entzündungserkrankungen. Sieben bis neun Stunden Schlaf ist die am häufigsten genannte Richtlinie, und auch Impfungen wirken besser, wenn du ausgeruht bist.
Stärkt Melatonin das Immunsystem im Alter?
Melatonin zeigt in Tier- und Laborstudien deutliche Effekte auf das Immunsystem, doch ob Nahrungsergänzungsmittel die Immunfunktion älterer Menschen tatsächlich verbessern, ist nicht belegt. Für besseren Schlaf wird es seit Längerem eingesetzt, was dem Immunsystem indirekt zugutekommen kann.