Erhöht Depression das Risiko, an Demenz zu erkranken?
Depression hängt stark mit einem erhöhten Demenzrisiko zusammen – ob sie Demenz verursacht oder manchmal ein frühes Anzeichen davon ist, bleibt offen. Da eine Behandlung das Risiko offenbar senkt, lohnt es sich, depressive Beschwerden ernst zu nehmen und mit einem Arzt zu besprechen.
Menschen mit einer Depression haben ein deutlich erhöhtes Demenzrisiko. In einer großen Untersuchung mit über 350.000 Teilnehmenden war dieses Risiko um 51 % höher als bei Menschen ohne Depression. Eine noch umfangreichere Studie mit knapp 490.000 Teilnehmenden zeigte, dass Menschen mit einer schweren Depression sogar ein um 63 % höheres Risiko hatten, speziell an Alzheimer zu erkranken. Diese Befunde stammen aus großen Beobachtungsstudien und sind statistisch belastbar – sie zeigen aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Ob eine Depression ein eigenständiger Auslöser ist oder ein frühes Anzeichen einer beginnenden Demenz, hängt wesentlich davon ab, wann sie erstmals auftritt. Eine Depression vor dem 65. Lebensjahr gilt als unabhängiger Risikofaktor: Sie erhöht das spätere Demenzrisiko unabhängig von anderen Einflüssen. Tritt sie hingegen erstmals im höheren Alter auf, ist sie häufiger ein Frühsymptom einer bereits anlaufenden Demenz. Im Alter lässt sich deshalb oft schwer sagen, was Ursache und was Folge ist.
Auch körperliche Belastung spielt eine Rolle. Wer neben depressiven Symptomen gleichzeitig mehrere Körpersysteme aus dem Gleichgewicht gebracht hat – etwa Herz-Kreislauf, Hormonsystem oder Immunsystem – trägt ein zusätzlich erhöhtes Demenzrisiko. Depression und eine solche gleichzeitige Störung mehrerer Körpersysteme verstärken sich dabei gegenseitig.
Eine Behandlung der Depression scheint das Demenzrisiko zu senken. In einer großen Studie war das Risiko bei behandelten Menschen um 30 % niedriger als bei unbehandelten. Am deutlichsten zeigte sich dieser Effekt bei Personen mit zunehmendem oder leicht chronischem Verlauf. Bei Menschen mit einem durchgehend schwer depressiven Krankheitsbild ließ sich hingegen kein nennenswerter Schutzeffekt durch Behandlung nachweisen. Eine ergänzende Analyse, die genetische Zufallsunterschiede nutzt, um Ursache und Wirkung zu trennen (Mendel'sche Randomisierung), konnte einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Depression und Alzheimer nicht bestätigen.
Warum Depression und Demenz so eng zusammenhängen, lässt sich bisher nicht abschließend erklären. Dazu gibt es bisher vor allem Hinweise aus der Grundlagenforschung: diskutiert werden gemeinsame genetische Veranlagungen, Entzündungsprozesse, Schäden an der weißen Substanz im Gehirn sowie die Ablagerung von Eiweißen, die typisch für Alzheimer sind.
Alle Befunde stammen aus großen Beobachtungskohorten (u. a. UK Biobank) sowie ergänzender Fachliteratur. Eine Mendel'sche Randomisierungsanalyse konnte Kausalität für den Zusammenhang zwischen Depression und Alzheimer nicht bestätigen, was den assoziativen Charakter der vorliegenden Evidenz unterstreicht.