Ist ein EKG über die Smartwatch sinnvoll?
Für die Erkennung von Vorhofflimmern kann ein Smartwatch-EKG sinnvoll sein – vor allem ergänzend zur ärztlichen Kontrolle. Bei anderen Herzerkrankungen ist die Evidenz noch zu schwach.
Bei Vorhofflimmern (VHF), einer Herzrhythmusstörung, die Schlaganfälle auslösen kann, ist die Datenlage für Smartwatch-EKGs am solidesten. Eine Metaanalyse ermittelte eine Sensitivität von 93 % und eine Spezifität von 94 % – beeindruckende Werte für ein Gerät am Handgelenk1.
In der Praxis schwankt die Leistung jedoch erheblich. Eine Studie mit 201 Patientinnen und Patienten untersuchte fünf Geräte, darunter Apple Watch 6, Samsung Galaxy Watch 3 und Fitbit Sense. Die Sensitivität lag je nach Modell zwischen 58 % und 85 %, und bei 17 bis 26 % der Messungen lieferte der Algorithmus überhaupt kein Ergebnis. Wenn ein Arzt diese Grenzfälle nachbeurteilte, wurden 99 % korrekt eingestuft. Ohne ärztliche Begleitung bleibt die Smartwatch also ein eingeschränktes Hilfsmittel2.
Bei älteren Menschen nach einem Schlaganfall (Durchschnittsalter 79 Jahre) übersah die Fitbit Charge 5 im automatischen Modus ganze 66 % der VHF-Episoden. Schlug sie jedoch Alarm, stimmte das fast immer. Eine Warnung solltest du ernst nehmen – aber kein Alarm bedeutet keine Entwarnung3.
Ein klarer Pluspunkt der Smartwatch ist die Dauermessung. VHF tritt manchmal in kurzen Schüben auf, die eine einmalige EKG-Aufnahme beim Arzt leicht verpasst. Die Apple Heart Study und die Fitbit Heart Study zeigen, dass Smartwatches solche Episoden häufiger aufdecken4. Für andere Herzprobleme wie eine Durchblutungsstörung des Herzmuskels reicht das Handgelenk-EKG dagegen noch nicht aus5,6.
Wer seine Herzratenvariabilität – ein Maß für Erholung und Stressbelastung – mit einer Samsung-Smartwatch verfolgen möchte, sollte das nachts tun. Tagsüber verfälschen Bewegungsartefakte die Messung zu stark. Nächtliche Werte hingegen stimmen gut mit einer Standardmessung überein7. Und eines solltest du im Hinterkopf behalten: Eine Smartwatch gibt Hinweise, ersetzt aber weder den Arzt noch einen gesunden Lebensstil8.
Grundlage sind eine Metaanalyse (PMID 32921618), eine prospektive Studie mit 201 Patientinnen und Patienten (PMID 36858690), eine Validierungsstudie bei Schlaganfallpatientinnen und -patienten (PMID 37430546), zwei technische Reviews (PMID 37562224, 33441002), eine Validierungsstudie mit 28 Teilnehmenden (PMID 36480505), zwei große Beobachtungsstudien (Apple Heart Study und Fitbit Heart Study, zusammengefasst in PMID 39363440) sowie ein Review-Kommentar (PMID 35624593). Die Evidenz ist für die VHF-Erkennung am stärksten; für andere Anwendungen ist sie deutlich dünner.