Ist ein hoher Homocysteinspiegel schlecht für mein Herz?
Ein hoher Homocysteinspiegel ist ein konsistenter Risikoindikator für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ob seine Senkung durch B-Vitamine aber tatsächlich Herzinfarkte oder Todesfälle verhindert, ist bis heute nicht nachgewiesen.
Ja, ein erhöhter Homocysteinspiegel hängt mit einem höheren Risiko für Arteriosklerose, koronare Herzkrankheit und venöse Thrombosen zusammen. Jeder Anstieg um 5 Mikromol pro Liter erhöht das Risiko für eine koronare Herzkrankheit etwa so stark wie ein Cholesterinanstieg von 20 mg/dl. Wichtig zu verstehen: Dabei handelt es sich um eine Assoziation. Ob Homocystein den Schaden selbst verursacht oder lediglich gemeinsam mit anderen Risikofaktoren auftritt, ist bislang nicht bewiesen1,2.
Es gibt auch Hinweise auf einen Zusammenhang mit Vorhofflimmern, einer weit verbreiteten Herzrhythmusstörung. Diese Evidenz ist allerdings begrenzter, und auch hier gilt: Assoziation ist nicht gleich Ursache3,4.
Manche Menschen haben von Natur aus einen höheren Homocysteinspiegel, weil sie eine Variante im MTHFR-Gen tragen (Variante C677T). Ihr Körper baut Homocystein weniger effizient ab. Dennoch zeigen mehrere Studien keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen dieser Genvariante und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Bild ist also alles andere als eindeutig5.
Folsäure (Vitamin B11) senkt den Homocysteinspiegel im Blut um etwa 25 %. Vitamin B6 und B12 unterstützen diesen Effekt zusätzlich. Nahrungsergänzungsmittel sind günstig und gut verträglich, aber der entscheidende Vorbehalt bleibt: Es gibt keine klinischen Studien, die belegen, dass dadurch auch weniger Herzinfarkte oder Todesfälle auftreten. Erste Studien deuteten auf eine Verlangsamung der Arteriosklerose hin, ein Nachweis für eine geringere Sterblichkeit fehlt jedoch6,7.
Ein erhöhter Homocysteinspiegel verstärkt zudem andere Risikofaktoren, etwa Rauchen. Nach der Menopause steigt er bei Frauen an, vermutlich durch den sinkenden Östrogenspiegel. Eine Hormontherapie senkt den Spiegel um 10 bis 15 Prozent, wird aber aus anderen Gründen nicht zum Herzschutz empfohlen. Bei Kindern und Jugendlichen ist ein erhöhter Homocysteinspiegel schwach mit Übergewicht assoziiert, doch was das langfristig für das Herz bedeutet, ist noch unzureichend erforscht2.
Die Aussagen stützen sich auf mehrere Studien (PMID 12652107, 15023293, 17917419, 39716283, 34960114, 15511133, 33351941). Es handelt sich überwiegend um Beobachtungs- und Assoziationsstudien. Randomisierte Studien, die belegen, dass eine Senkung des Homocysteinspiegels die Sterblichkeit reduziert, liegen in den ausgewerteten Quellen nicht vor.