Wie schädlich ist anhaltender Stress wirklich für mein Herz?
Anhaltender Stress erhöht das Herzrisiko messbar, vor allem durch Arbeitsstress (10-40 % Mehrrisiko in großen Bevölkerungsstudien). Der Effekt ist real, aber geringer als der von Rauchen oder Bluthochdruck.
Dass dauerhafter Stress dem Herzen schadet, ist kein Bauchgefühl, sondern ein Befund, den große Bevölkerungsstudien immer wieder bestätigen. Der Zusammenhang zieht sich seit Jahrzehnten konsequent durch die Forschung. Ursache und Wirkung lassen sich zwar schwer wasserdicht beweisen, aber die Befundlage ist ernst zu nehmen.
Die konkreteste Zahl stammt aus einer Auswertung von mehr als 600.000 Menschen aus 27 Langzeitstudien. Wer unter hohem Arbeitsdruck mit wenig Handlungsspielraum litt oder regelmäßig extrem lange Wochen arbeitete, hatte ein um 10 bis 40 % höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einen Schlaganfall. Das galt für Männer und Frauen, Jüngere und Ältere gleichermaßen.1,2
In der Rangliste der Herzfeinde steht Stress dennoch nicht ganz oben. Rauchen, Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte sind gefährlicher. Eine besondere Rolle spielt Stress jedoch als Auslöser bei Menschen mit bereits verkalkten Gefäßen: Ein heftiger emotionaler Schock kann dort einen Herzinfarkt unmittelbar auslösen. Ein bekanntes Beispiel ist das Gebrochenes-Herz-Syndrom, bei dem der Herzmuskel nach akutem Stress vorübergehend so schlecht pumpt, dass das Bild einem Herzinfarkt gleicht.3,4
Stress schädigt das Herz auf mehreren Wegen gleichzeitig. Er versetzt das Nervensystem dauerhaft in Alarmbereitschaft, fördert Entzündungen und beschleunigt die Arterienverkalkung. Chronischer Stress erhöht zudem die Wahrscheinlichkeit für Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und Übergewicht. Selbst wenn Studien diese Faktoren herausrechnen, bleibt Stress als eigenständiges Risiko bestehen. Schwerwiegender Stress in der Kindheit, etwa durch Missbrauch oder das Aufwachsen in einem suchtbelasteten Umfeld, erhöht das Herzrisiko im späteren Leben zusätzlich.5,6
Stress zu reduzieren ist also sinnvoll. Ob Stressbewältigungsprogramme das Herzrisiko konkret senken, lässt sich bislang nicht belastbar beantworten, weil dazu zu wenige gut konzipierte Studien vorliegen. Einige europäische Leitlinien erkennen Stress inzwischen als Behandlungsziel an, doch definitive Empfehlungen zur Herzvorbeugung über Stressreduktion fehlen noch.7
Basierend auf mehreren großen Kohortenstudien und epidemiologischen Übersichtsarbeiten, darunter eine Auswertung von mehr als 600.000 Teilnehmern aus 27 Kohortenstudien. Es handelt sich überwiegend um Beobachtungsstudien. Studien zur Stressreduktion als Herzprävention sind rar. PMIDs: 22473079, 38698183, 25911639, 26238744, 29213140, 32791843, 36361701.