Schadet schlechtes Zahnfleisch meinem Herz?
Schwere Parodontitis ist konsistent mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden – es lohnt sich daher, sie behandeln zu lassen, auch wenn noch nicht bewiesen ist, dass die Behandlung das Herzrisiko direkt senkt.
Menschen mit schwerer Zahnfleischentzündung – auch Parodontitis genannt – haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein Übersichtsartikel, der 41 systematische Studien zusammenfasste, stellte fest, dass dieses Risiko bei Betroffenen 1,2- bis 4,4-mal höher lag als bei Menschen ohne Parodontitis. In einer großen US-amerikanischen Bevölkerungsstudie (NHANES) litten Menschen mit schwerer Parodontitis sogar knapp 3,6-mal so häufig an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Menschen mit milden Beschwerden.
Das erhöhte Risiko beschränkt sich nicht auf Herzinfarkt und Schlaganfall. Mehrere systematische Übersichtsarbeiten beschreiben außerdem Zusammenhänge mit Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern), verengten Herzkranzgefäßen, Herzinsuffizienz und peripherer arterieller Verschlusskrankheit – also Durchblutungsstörungen in den Beinen. Die Breite dieses Musters ist auffällig konsistent.
Eine plausible Erklärung: Bakterien aus entzündeten Zahnfleischtaschen gelangen in die Blutbahn, lösen eine körperweite Entzündungsreaktion aus und begünstigen so die Entstehung von Arteriosklerose sowie eine erhöhte Blutgerinnungsneigung. Beide Prozesse sind bekannte Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Ein Teil des Zusammenhangs lässt sich möglicherweise durch gemeinsame genetische Veranlagung erklären. Forschende haben mindestens vier Stellen im Erbgut identifiziert, die sowohl das Parodontitis-Risiko als auch das Risiko für Arteriosklerose erhöhen. Manche Menschen sind also genetisch für beide Erkrankungen gleichzeitig anfälliger – was die Verbindung zum Teil erklären könnte, ohne dass eine Erkrankung die andere direkt verursacht.
Es gibt Hinweise darauf, dass eine Parodontitis-Behandlung zur besseren Kontrolle von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Diabetes beitragen kann. Gut konzipierte randomisierte Studien fehlen bislang, um zu bestätigen, ob eine Zahnfleischbehandlung das Herzrisiko tatsächlich senkt.
Zwischen Gingivitis und Parodontitis ist ein wichtiger Unterschied: Gingivitis ist eine leichte, oberflächliche Zahnfleischentzündung und vollständig rückbildungsfähig. Parodontitis bezeichnet die schwere Form, bei der Knochen und Stützgewebe dauerhaft geschädigt werden. Die beschriebenen erhöhten Herzrisiken betreffen vor allem diese schwere Form. Milde, gut behandelte Zahnfleischprobleme stellen kein oder kaum ein eigenständiges Herzrisiko dar.
Grundlage sind ein Übersichtsartikel über 41 systematische Studien, mehrere eigenständige Metaanalysen sowie eine große Bevölkerungsstudie (NHANES). Die Evidenz ist konsistent assoziativ, ein ursächlicher Zusammenhang ist jedoch nicht abschließend belegt. PMIDs: 39468505, 35773046, 38141902, 30897827, 29903685, 39494478, 32385877, 16298220.