Ist es sicher, jede Nacht Melatonin einzunehmen?
Bei gesunden Erwachsenen ist Melatonin zur kurzfristigen Anwendung sicher, wirkt aber als Schlafmittel bei chronischer Insomnie deutlich schlechter als etablierte Alternativen; Schwangere, Stillende und Kinder ohne medizinische Indikation sollten es meiden.
Kurzfristige Melatonineinnahme bei Erwachsenen ist vergleichsweise gut erforscht. In randomisierten Studien aufgetretene Nebenwirkungen sind mild – Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Tagesmüdigkeit – und unterscheiden sich kaum von dem, was Teilnehmer unter Placebo berichten. Schwere Nebenwirkungen wurden in diesen Studien nicht festgestellt1.
Bei dauerhafter täglicher Einnahme durch Erwachsene bleibt das Bild ähnlich: Nebenwirkungen sind gering und liegen nicht über dem Placeboniveau. Zu Langzeitanwendung und hohen Dosierungen gibt es bisher deutlich weniger Daten als zur Kurzanwendung1,2. Bei älteren Menschen ist anhaltende Tagesmüdigkeit ein reales Risiko, selbst bei niedrigen Dosen3.
Für Schwangere, Stillende sowie Kinder und Jugendliche ohne spezifische medizinische Indikation wird Melatonin nicht empfohlen. Es gibt zu wenige Sicherheitsstudien, um Risiken für Mutter, Kind oder den sich entwickelnden jugendlichen Organismus verlässlich beurteilen zu können1.
Ein wichtiger praktischer Aspekt: In vielen Ländern gilt Melatonin als Nahrungsergänzungsmittel und unterliegt keiner strengen Produktkontrolle. Der tatsächliche Wirkstoffgehalt kann erheblich von der Packungsangabe abweichen, was eine genaue Dosierung schwierig macht.
Als Schlafmittel bei chronischer Schlaflosigkeit schneidet Melatonin in großen Vergleichsanalysen, die viele Wirkstoffe gleichzeitig gegenüberstellen, deutlich schlechter ab als etablierte Mittel wie Benzodiazepine, Zolpidem oder Orexin-Hemmer. Die Einschlafzeit verkürzt es zwar geringfügig, doch der klinische Nutzen bei Erwachsenen mit chronischer Schlaflosigkeit bleibt begrenzt4,5. Eine Ausnahme bildet retardiertes Melatonin bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung: Nach 52 Wochen zeigten Studien signifikante Verbesserungen der Schlafdauer und Einschlafzeit, wobei Erschöpfung (5,3 %) und Stimmungsschwankungen (3,2 %) die häufigsten Nebenwirkungen waren6.
Alle Aussagen stützen sich auf einen primären Review (PMID 26692007) und zwei Netzwerkmetaanalysen (PMID 35843245, 36701954), ergänzt durch eine Studie bei älteren Menschen (PMID 27751669), eine randomisierte kontrollierte Studie bei Kindern mit Autismus (PMID 30132686) sowie einen Review mit kommerziellem Interessenkonflikt (PMID 36235587). Die Evidenzbasis zur Langzeitsicherheit ist mäßig bis begrenzt.