Kann eine eiweißreiche Ernährung einen Glycinmangel verursachen?
Studien zeigen, dass eine eiweißreiche Mahlzeit den Glycinanstieg im Blut dämpfen kann, besonders bei Menschen mit Übergewicht. Ob das bei dauerhaft hoher Eiweißzufuhr in der Praxis zu einem Mangel führt, fehlt bislang in Studien am Menschen.
Bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas verarbeitet der Körper eiweißreiche Mahlzeiten offenbar anders als bei Normalgewichtigen. Nach einer eiweißreichen Mahlzeit steigt Glycin im Blut bei Menschen mit Übergewicht weniger stark an als bei schlanken Menschen. Das gilt nicht nur für Glycin, sondern auch für andere Aminosäuren wie Alanin, Glutamin und Threonin. Diese Beobachtung stammt aus einer kleinen Studie mit 30 Personen und ist daher vorläufig.
Eine Erklärung könnte sein, dass der Körper bei Menschen mit Übergewicht Glycin anders verteilt oder schneller verbraucht, weil der Stoffwechsel anders arbeitet. Die Studie maß nur die unmittelbare Reaktion nach der Mahlzeit, nicht was langfristig mit den Glycinwerten im Blut passiert. Ob eine eiweißreiche Ernährung bei allen Menschen einen Glycinmangel auslöst, lässt sich daraus nicht ableiten.
Was den Zusammenhang mit dem Blutdruck betrifft: Eine höhere Zufuhr verzweigtkettiger Aminosäuren wie Leucin, Isoleucin und Valin, die in eiweißreichen Ernährungsweisen häufig vorkommen, hängt in einer Auswertung von knapp 58.000 Teilnehmern mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck zusammen. Glycin zeigt das umgekehrte Bild: Wer über die Ernährung mehr Glycin aufnimmt, hat in derselben Auswertung ein 25 % geringeres Risiko für Bluthochdruck. Es handelt sich dabei um Muster aus Beobachtungsdaten über viele Jahre, kein Nachweis für Ursache und Wirkung.
Eine eiweißreiche Ernährung beeinflusst also das Verhältnis der Aminosäuren in deinem Blut, und Menschen mit Übergewicht reagieren dabei offenbar anders als Normalgewichtige. Ob du deshalb gezielt mehr Glycin essen solltest, etwa über Gelatine, Knochenbrühe oder Kollagen, folgt aus diesen Studien nicht. Das wäre ein Schritt weiter, als die vorliegenden Daten erlauben.
Diese Antwort stützt sich auf zwei Quellen. Eine kleine Studie am Menschen mit 30 Teilnehmern maß die unmittelbare Blutreaktion nach eiweißreichen Keksen; die Ergebnisse sind wegen der geringen Teilnehmerzahl und des kurzen Messzeitraums vorläufig. Eine Zusammenfassung vieler Studien mit knapp 58.000 Menschen untersuchte den Zusammenhang zwischen Aminosäurezufuhr und Blutdruck; das ist eine Assoziation, kein Beweis für Ursache und Wirkung. Studien am Menschen zu den Langzeitfolgen einer eiweißreichen Ernährung auf die Glycinwerte im Blut fehlen bislang.