Kann eine überstandene Coronainfektion dein Immunsystem dauerhaft schwächen?
Eine überstandene Coronainfektion kann das Immunsystem vorübergehend und bei Long COVID möglicherweise langanhaltend aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn du nach deiner Infektion anhaltende Beschwerden hast, lohnt es sich, das mit deiner Ärztin oder deinem Arzt zu besprechen, auch mit Blick auf Rehabilitationsmaßnahmen.
Während einer akuten Coronainfektion erschöpfen sich die sogenannten Angriffszellen des Immunsystems funktionell: die T-Zellen, die Viren aufspüren und beseitigen. Auf ihrer Oberfläche häufen sich hemmende Signalmoleküle, und ihre Wirksamkeit sinkt. Gleichzeitig unterdrückt das Virus den Weg, auf dem das Immunsystem über eindringende Erreger informiert wird, was die Abwehrreaktion zusätzlich abschwächt.
Bei Menschen mit anhaltenden Beschwerden nach einer Coronainfektion, dem sogenannten Long COVID, lassen sich noch mehr als sechs Monate später Zeichen chronischer Entzündung und T-Zell-Erschöpfung im Blut nachweisen, verglichen mit vollständig Genesenen. Dieses Muster wurde in zwei unabhängigen Teilnehmergruppen gefunden. Kleinere Studien zeigen darüber hinaus Störungen in der Genaktivität von Immunzellen, vor allem bei der Antigenpräsentation (dem Mechanismus, mit dem das Immunsystem Erreger erkennt) und bei Botenstoffen. Da die Gruppen in diesen Studien klein sind, lassen sich daraus noch keine gesicherten Schlüsse ziehen.
Bei Menschen, die schwer erkrankt waren und mindestens ein halbes Jahr zuvor aus dem Krankenhaus entlassen wurden, fanden sich noch immer weniger Immunzellen und ein weniger vielfältiges Abwehrrepertoire als bei Gesunden. Ein breites Repertoire ist wichtig, um unterschiedliche Krankheitserreger zu erkennen. Zwei Immunbotenstoffe, die Wachstum und Überleben von Immunzellen fördern, waren signifikant erniedrigt. Ein bemerkenswerter Befund: Wer nach der Entlassung ein Rehabilitationsprogramm absolviert hatte, erreichte nahezu normale Werte, während Menschen ohne Rehabilitation das nicht schafften. Diese Erkenntnis stammt aus einer einzigen Studie ohne randomisierte Zuteilung.
Bei Menschen mit bereits geschwächtem Immunsystem kann sich das Coronavirus langfristig in Geweben außerhalb der Atemwege verbergen. Das führt zu anhaltender Dysregulation des Immunsystems und erhöht zudem das Risiko für die Entstehung neuer Virusvarianten. Wie groß diese Gruppe ist, lässt sich derzeit nicht genau beziffern. Theoretische Modelle beschreiben außerdem, wie Viren über kleine regulatorische Moleküle in der Zelle die T-Zell-Erschöpfung beschleunigen könnten, doch gibt es dazu bisher nur Daten aus kleinen Laborstudien, keine Bestätigung aus großen klinischen Studien.
Diese Antwort stützt sich auf mehrere Übersichtsarbeiten, die die vorhandene Literatur zusammenfassen, ergänzt durch einzelne kleinere Studien an Menschen, die nach einer Coronainfektion beobachtet wurden. Die Befunde zur T-Zell-Erschöpfung sind über diese Quellen hinweg recht konsistent. Die direkten Humanstudien haben jedoch geringe Teilnehmerzahlen (Gruppen von 15 bis 28 Personen) und sind methodisch nicht so angelegt, dass sich Ursache und Wirkung eindeutig trennen lassen: Dass die Veränderungen vorhanden sind, ist klar, doch wie lange sie bei einem durchschnittlichen Patienten anhalten und wie stark sie klinisch spürbar sind, ist unzureichend untersucht.
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