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Schwächt langfristige Antibiotikaeinnahme dein Immunsystem?

Moderate Evidenz

Langfristige Antibiotikaeinnahme stört das Darmmikrobiom, und diese Störung kann das Immunsystem beeinflussen. Wie stark das spürbar wird, unterscheidet sich von Person zu Person und Situation zu Situation. Brauchst du Antibiotika wirklich, dann nimm sie; vermeide sie aber ohne triftigen Grund, vor allem wenn eine Impfung oder eine Immuntherapie bevorsteht.

Antibiotika reduzieren die Darmbakterien deutlich in Zahl und Vielfalt. Das ist gut belegt und robust. Weniger bekannt ist, dass diese Störung auch außerhalb des Darms wirkt: Der Gehalt an sekundären Gallensäuren im Blut sinkt um den Faktor tausend. Diese Gallensäuren werden von Darmbakterien produziert und dämpfen normalerweise Entzündungen. Ihr Rückgang geht mit erhöhten Entzündungssignalen im Blut einher, vergleichbar mit dem, was man bei älteren Menschen beobachtet, und mit mehr aktivierten Immunzellen, die das System in eine Art erhöhten Alarmzustand versetzen.

Die Impfantwort zeigt konkret, was das bedeuten kann. Wer bereits Antikörper gegen einen Grippeerreger aufgebaut hat, spürt eine Antibiotikakur rund um den Zeitpunkt der Grippeimpfung kaum. Wer hingegen kaum Antikörper mitbringt, dem macht es durchaus einen Unterschied: Die Neubildung von Antikörpern nach der Impfung war in diesem Fall deutlich schwächer. Ähnliche Zusammenhänge zeigten sich bei Hepatitis-B- und verschiedenen Coronavirus-Impfstoffen, wobei bestimmte Darmbakterien und ihre Stoffwechselprodukte die Antikörperbildung beeinflussen.

Bei Krebspatientinnen und -patienten in Immuntherapie ist die klinische Bedeutung größer. Breitbandantibiotika vor oder während einer Immuntherapie hängen mit schlechteren Behandlungsergebnissen zusammen. Für eine bestimmte Form der Immuntherapie, die sogenannten PD-1-Hemmer (Medikamente, die das Immunsystem von einer eingebauten Bremse befreien, damit es Tumorzellen angreift), ist ein Mechanismus beschrieben: Gestörte Darmbakterien locken Immunzellen an, die genau diese Bremse wieder betätigen. Dabei handelt es sich um Beobachtungen aus Patientendaten, keinen direkten Nachweis von Ursache und Wirkung. Zudem erhielten schwerer erkrankte Patientinnen und Patienten häufiger Antibiotika, was die Ergebnisse verzerrt.

Ein weiteres Risiko langfristiger Antibiotikaeinnahme ist die geschwächte Abwehr gegen gefährliche Darmbakterien wie Clostridioides difficile. Normalerweise halten die eigenen Darmbakterien Eindringlinge in Schach; sind sie gestört, kann sich ein schädlicher Keim deutlich leichter festsetzen.

Langfristige oder breitbandige Antibiotikaeinnahme schwächt das Immunsystem nicht einfach und direkt, stört aber ein wichtiges Bindeglied: das Darmmikrobiom, das beeinflusst, wie gut das Immunsystem funktioniert. Ob und wie stark sich das bemerkbar macht, hängt von der individuellen Situation ab. Für gesunde Menschen mit bereits aufgebauter Immunität ist der Effekt gering; für Menschen ohne diesen Schutz oder für Krebspatientinnen und -patienten in Immuntherapie gibt es deutlichere Hinweise auf Nachteile.

Die Belege
8 Studien · 1 randomisierte Studie

Diese Antwort stützt sich überwiegend auf eine randomisierte Studie mit gesunden Erwachsenen rund um die Grippeimpfung, ergänzt durch mehrere Übersichtsarbeiten zu Darmmikrobiom, Immunität und Impfantwort sowie eine Studie mit Krebspatientinnen und -patienten in Immuntherapie. Am stärksten belegt ist die Störung des Darmmikrobioms selbst. Die Evidenzlage für Immuneffekte bei gesunden Menschen fällt uneinheitlich aus und hängt stark von der Ausgangslage der jeweiligen Person ab. Bei Krebspatientinnen und -patienten sind die Zusammenhänge vorhanden, lassen sich aber schwer vom Schweregrad der Erkrankung trennen. Einen kausalen Nachweis gibt es für viele dieser Zusammenhänge bislang nicht.

Zuletzt geprüft: September 2026 · wie das beurteilt wurde
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