Kann man durch epigenetische Reprogrammierung verjüngen?
Epigenetische Reprogrammierung verjüngt Zellen und Gewebe in Tier- und Laborversuchen konsistent und überzeugend, doch klinische Studien am Menschen fehlen bislang vollständig. Verfolge das Feld mit Interesse, rechne aber vorerst nicht mit einer praktischen Anwendung.
In der Tierforschung liefert die epigenetische Reprogrammierung beeindruckende Ergebnisse. Bei Mäusen stellte die vorübergehende Aktivierung von drei Proteinen (OSK) die Alterungsmuster in Netzhautzellen wieder her. Mäuse mit Grünem Star oder altersbedingtem Sehverlust gewannen einen Teil ihres Sehvermögens zurück, und beschädigte Nervenfortsätze wuchsen erneut aus. Ein anderes Mausmodell zeigte: Die kurzzeitige Aktivierung von vier solcher Faktoren (OSKM) verlängerte bei Mäusen mit beschleunigter Alterung die Lebensspanne und verbesserte bei normal gealterten Tieren die Muskelregeneration.
Auch mit menschlichem Zellmaterial gibt es erste Befunde. Sechs verschiedene chemische Wirkstoffmischungen machten menschliche Zellen im Labor innerhalb einer Woche auf Ebene der Genaktivität messbar jünger, ohne dass die Zellen ihre Gewebeidentität verloren. Eine Auswertung von Genaktivitätsdaten aus mehr als vierzig menschlichen Gewebetypen belegte, dass Zellen beim Altern schrittweise ihre spezifischen Eigenschaften einbüßen. Partielle Reprogrammierung konnte dieses Muster in Zellmodellen umkehren. Ein gezieltes Kleinmolekül, das epigenetische Sperren löst, förderte zudem die Regeneration der Myelinscheide (der schützenden Hülle um Nervenfasern) in Tiermodellen und in Labormodellen auf Basis menschlicher Stammzellen, was für Erkrankungen wie Multiple Sklerose relevant sein könnte.
Klinische Studien am Menschen gibt es bisher nicht. Zell- und Tierversuche lassen sich nicht zuverlässig auf den Menschen übertragen, weshalb belastbare Aussagen über einen praktischen Einsatz verfrüht wären.
Dem Sicherheitsrisiko muss besondere Aufmerksamkeit gelten. Geht die Reprogrammierung zu weit oder dauert sie zu lange, können Zellen ihre Gewebeidentität vollständig verlieren und in Richtung Tumorbildung entgleisen. Die partielle Reprogrammierung wurde genau entwickelt, um dieses Risiko zu begrenzen: Die Aktivierung wird zeitlich kurz gehalten. Wie eng dieses Sicherheitsfenster beim Menschen ist, bleibt eine der zentralen offenen Fragen des Feldes.
Alle positiven Befunde stammen aus Tier- oder Zellkulturexperimenten. In den zugrunde liegenden Quellen ist keine einzige veröffentlichte klinische Studie am Menschen verfügbar. Die Evidenzstärke für die Wirksamkeit ist in Tiermodellen als mäßig, in menschlichen Zellkulturen als begrenzt und für klinische Anwendungen am Menschen als unzureichend einzustufen.