Warum teilen sich beschädigte Zellen manchmal trotzdem, statt sich selbst zu beseitigen?
Beschädigte Zellen entziehen sich der Beseitigung über mehrere gut belegte Mechanismen. Das Verständnis dieser Prozesse hilft vor allem dabei, Krebsrisiko und Prognose besser einzuordnen, lässt sich aber nicht direkt in konkrete Präventionstipps übersetzen.
Eine Zelle, die einen DNA-Schaden erleidet, hat normalerweise zwei Möglichkeiten: die Teilung stoppen oder sich selbst zerstören. Den zweiten Weg steuert ein Protein, das man sich als Wächter des Erbguts vorstellen kann. In mehr als der Hälfte aller Krebsarten ist dieses Protein mutiert, sodass die Zelle das entscheidende Notsignal nie empfängt. Noch gravierender: Manche dieser Mutationen verwandeln den Wächter in einen Treiber. Das mutierte Protein fördert dann aktiv Tumorwachstum und Metastasierung, anstatt beides zu bremsen.
Selbst wenn dieses Wächterprotein noch intakt ist, kann eine Zelle den Zelltod auf anderen Wegen blockieren. Eine Gruppe von Proteinen hält die äußere Hülle der Mitochondrien geschlossen, damit das Sterbessignal gar nicht erst freigesetzt wird. Weitere Proteine blockieren die ausführenden Moleküle noch tiefer in der Signalkette. Die Zelle bringt gewissermaßen mehrere Schlösser an der Notausgangstür an.
Es gibt auch Situationen, in denen die Bremse auf die Zellteilung kurz funktioniert, dann aber wieder gelöst wird. Zellen verfügen über Kontrollpunkte, die die Teilung bei Schäden pausieren. Gleichzeitig existiert ein System, das diese Pause aktiv aufhebt. In Krebszellen ist dieses System überaktiv und geht mit einer schlechteren Prognose für Patientinnen und Patienten einher.
Ein weiterer Weg führt über das unmittelbare Umfeld der beschädigten Zelle. Zellen, die dauerhaft aufgehört haben sich zu teilen, schütten Entzündungsstoffe aus, darunter eine Substanz, die benachbarte Krebszellen invasiver macht. Die stillgelegte Zelle selbst verhält sich regelgerecht, vergiftet aber ihre Nachbarn. Auch sterbende Zellen senden Reparatur- und Wachstumssignale an das umliegende Gewebe, sodass selbst die Aufräumphase unbeabsichtigt Tumorwachstum befeuern kann.
Forschung an einer Bluterkrankung zeigt, wie lange eine Zelle kompensieren kann: Erst wenn beide Kopien des Wächtergens ausgeschaltet sind, verschlechtert sich die Prognose drastisch. Patienten mit nur einer geschädigten Kopie hatten kaum schlechtere Ergebnisse als Patienten ohne Mutation. Zwei Drittel der mutierten Patienten hatten jedoch beide Kopien betroffen, und bei ihnen lag das Risiko für eine leukämische Transformation und Tod deutlich höher.
Alle Aussagen stützen sich auf Reviews und nicht näher indexierte Studien. Randomisierte Studien oder Metaanalysen stehen für diese mechanistischen Fragen nicht zur Verfügung; die Kausalität ist überwiegend aus experimenteller und klinisch-beobachtender Forschung abgeleitet.