Was hat dein Gleichgewicht mit der Vorbeugung von Knochenbrüchen zu tun?
Schlechtes Gleichgewicht erhöht das Sturzrisiko und damit das Risiko für Knochenbrüche. Gezieltes Gleichgewichtstraining kann dieses Risiko um mehrere Zehnerprozentpunkte senken, besonders wenn du mehr als drei Stunden pro Woche trainierst.
Neunzig Prozent aller Hüftfrakturen entstehen durch einen Sturz. Damit ist das Gleichgewicht einer der wichtigsten beeinflussbaren Faktoren, um Knochenbrüche zu vermeiden. Drei Systeme halten gemeinsam deine Balance: das Körpergefühl in Muskeln und Gelenken, das Gleichgewichtsorgan im Ohr und dein Sehvermögen. Lassen diese Systeme im Alter nach, steigt das Sturzrisiko.
Ein schlecht funktionierendes Gleichgewichtsorgan lässt sich konkret bei Menschen nachweisen, die bereits einen Bruch erlitten haben. Von Personen, die nach einem Sturz eine Handgelenksfraktur davontrugen, zeigte sich bei 65 % eine messbare Seitendifferenz im Gleichgewichtsorgan, die mit mehr Balanceproblemen zusammenhing. Ältere Menschen, die nach einem Sturz eine Hüftfraktur erlitten, hatten ebenfalls deutlich häufiger eine solche Störung als Gleichaltrige ohne Fraktur. Das spricht dafür, Gleichgewichtsprobleme gezielt zu erfassen, ergänzend zur üblichen Knochendichtemessung. Ein einfacher Test dafür ist der Romberg-Test: Du stehst mit geschlossenen Augen auf einer Stelle. In einer Beobachtungsstudie mit 125 postmenopausalen Frauen hing ein schlechtes Abschneiden bei diesem Test damit zusammen, bereits Fragilitätsfrakturen gehabt zu haben.
Frauen mit Osteoporose und ausgeprägtem Rundrücken schwanken beim Stehen stärker als Gleichaltrige ohne Osteoporose. Sie gleichen das anders aus, mit mehr Bewegung aus der Hüfte. Dazu gibt es bisher nur Daten aus einer kleinen Studie mit 21 Teilnehmerinnen, doch der Befund passt in das größere Bild.
Gleichgewicht lässt sich trainieren. Eine Auswertung von 88 randomisierten Studien mit knapp 20.000 Teilnehmenden zeigt, dass Bewegungsprogramme die Sturzrate bei selbstständig lebenden älteren Menschen im Schnitt um 21 % senken. Programme, die das Gleichgewicht aktiv herausfordern und mehr als drei Stunden pro Woche umfassen, erreichen sogar eine Reduktion von 39 %. In Pflegeheimen oder nach einem Schlaganfall wurde dieser Effekt nicht gefunden. Auch gezieltes Training des Gleichgewichtsorgans selbst zeigte in einer randomisierten Studie mit 68 Teilnehmenden Wirkung: Nach neun Wochen Gruppenübungen hatte ein größerer Anteil der Teilnehmenden keine messbare Seitendifferenz im Gleichgewichtsorgan mehr, auch wenn andere Balancemessungen sich nicht signifikant verbesserten.
Fachgesellschaften wie die American Geriatrics Society empfehlen daher, alle Menschen über 65 jährlich auf Gleichgewichtsprobleme zu untersuchen. Bei erhöhtem Sturzrisiko lautet die Empfehlung: Trainiere aktiv Gleichgewicht, Kraft und Gangsicherheit, und besprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt auch Vitamin D, deine Medikamentenliste und mögliche Stolperfallen in deiner Wohnung.
Die Quellen umfassen eine Metaanalyse von 88 randomisierten kontrollierten Studien (PMID 27707740), ein systematisches Review (PMID 11394562), eine randomisierte kontrollierte Studie (PMID 25471256), eine Beobachtungsstudie (PMID 29304151), zwei Reviews und Leitlinienartikel (PMID 25700584, 28925664) sowie zwei kleinere Studien (PMID 9084349, 15065358). Die stärkste Evidenz betrifft die Sturzprävention durch Gleichgewichtstraining; die Evidenz zur Rolle des Gleichgewichtsorgans bei Frakturen ist moderat und beruht überwiegend auf Zusammenhängen.