Erhöht zu wenig Protein das Knochenbruchrisiko im Alter?
Ja, zu wenig Protein erhöht im Alter das Knochenbruchrisiko. Das geschieht sowohl über eine verminderte Knochenmasse als auch über eine geschwächte Muskulatur. Angestrebt werden sollten mindestens 1,0 bis 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich, am besten zusammen mit ausreichend Kalzium und Vitamin D.
Zu wenig Protein schadet den Knochen auf zwei Wegen gleichzeitig: Es mindert die Knochenmasse und schwächt die Muskulatur. Schwächere Muskeln führen zu häufigeren Stürzen, und brüchige Knochen machen jeden Sturz gefährlicher. Außerdem kurbelt ausreichend Protein die Bildung von IGF-1 an, einem Wachstumsfaktor, der für den Knochenaufbau unverzichtbar ist. Ein niedriger IGF-1-Spiegel gilt als eigenständiger Risikofaktor für Hüftfrakturen1.
Die stärkste Evidenz liefert eine randomisierte Studie mit 7.195 Pflegeheimbewohnern in Australien, die im Schnitt 86 Jahre alt waren. Bewohner, die täglich zusätzliche Milchprodukte erhielten, steigerten ihre Proteinzufuhr von 0,9 auf 1,1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Das Ergebnis: 46 % weniger Hüftfrakturen, 33 % weniger Knochenbrüche insgesamt und 11 % weniger Stürze. Die Sterblichkeit blieb unverändert2.
Protein wirkt nicht allein auf die Knochen. Ältere Menschen, die nach einer Hüftfraktur zusätzliches Protein erhielten, bewahrten ihre Knochendichte in der Hüfte besser und verbrachten weniger Zeit im Krankenhaus. Dieser Effekt zeigte sich nur, wenn gleichzeitig Kalzium und Vitamin D ausreichend vorhanden waren. Fehlte einer der drei Faktoren, fiel der Nutzen geringer aus1. Zudem verbessert eine gute Proteinversorgung die Kalziumaufnahme im Darm3.
Wer sich vegan ernährt, hat laut mehreren großen Beobachtungsstudien ein erhöhtes Knochenbruchrisiko. Bei Vegetariern liegt das Risiko dazwischen. Ein geringerer Proteinanteil in der Ernährung gilt als einer der wahrscheinlichen Gründe, neben niedrigerer Kalzium- und Vitamin-D-Zufuhr sowie einem geringeren Körpergewicht. Da es sich um Beobachtungsstudien handelt, lässt sich ein direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang hier nicht belegen. Wer gezielt auf proteinreiche pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Nüsse und Sojaprodukte setzt und diese mit Vitamin D und Kalzium ergänzt, kann das Risiko zumindest teilweise ausgleichen4.
Eine ausreichende Proteinzufuhr ist inzwischen ausdrücklich in Leitlinien verankert. Die nordamerikanische Menopause-Gesellschaft empfiehlt allen Frauen nach den Wechseljahren, vor dem Einsatz von Medikamenten zunächst auf eine ausreichende Zufuhr von Protein, Kalzium und Vitamin D zu achten5. Europäische Leitlinien gehen noch weiter: Wer Prednison über drei Monate oder länger einnimmt, muss die Proteinzufuhr als verbindlichen Bestandteil der Behandlung aufrechterhalten6. Für ältere Menschen gilt in der Regel eine Zufuhr von 1,0 bis 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag, nach einem Bruch oder während der Reha noch mehr.
Sieben Aussagen stützen sich auf sieben Quellen: eine große randomisierte Studie (n=7.195), mehrere prospektive Kohortenstudien, zwei Leitlinienpublikationen (NAMS 2021, ECTS 2024), ein narratives Review und eine kleinere Interventionsstudie. Die randomisierte Studie liefert die stärkste direkte Evidenz. Die Daten zu Veganern sind assoziativ.