Was macht eine gestörte Darmbarriere mit dem Rest deines Körpers?
Eine undichte Darmbarriere hängt mit chronischer Entzündung und einer Reihe von Erkrankungen zusammen, von Diabetes und Gelenkbeschwerden bis hin zu Nieren- und Lebererkrankungen. Der Zusammenhang ist breit belegt, doch ob der Darm wirklich die Ursache ist oder selbst unter der Erkrankung leidet, ist für die meisten Beschwerdebilder noch nicht abschließend geklärt.
Wenn die Darmbarriere nicht mehr richtig abdichtet, können bakterielle Giftstoffe durch die Darmwand schlüpfen und in die Blutbahn gelangen. Der bekannteste Übeltäter ist Lipopolysaccharid, ein Bestandteil der Zellwand bestimmter Bakterien. Einmal im Blut reizt dieser Stoff das Immunsystem dauerhaft, was zu chronischer niedriggradiger Entzündung im gesamten Körper führt. Genau diese Entzündung ist der gemeinsame Nenner hinter den meisten Folgeerscheinungen.
Bei Menschen mit Diabetes zeigt sich dieser Zusammenhang besonders deutlich: Eine gestörte Darmzusammensetzung führt zu weniger Produktion kurzkettiger Fettsäuren, die die Darmwand schützen, zu mehr Giftstoffleckage und zu verringerter Insulinsensitivität. Bei chronischer Nierenerkrankung wirkt der Mechanismus in beide Richtungen: Die geschädigten Nieren stören die Darmbakterien, der Darm leckt stärker, und die Giftstoffe schädigen die Nieren weiter, ein Teufelskreis. Am gründlichsten erforscht ist dieser Zusammenhang bei Lebererkrankungen: Eine kleinere randomisierte Studie (38 Patienten) zeigte, dass ein Antibiotikum, das gezielt gegen die Leckage wirkt, die kognitiven Probleme bei schweren Leberleiden deutlich verbesserte.
Darüber hinaus wurden konsistente Zusammenhänge mit Gelenkentzündungen (bei rheumatoider Arthritis und verwandten Erkrankungen), Autoimmunerkrankungen wie Lupus, Typ-1-Diabetes und Multipler Sklerose sowie Knochenverlust nach der Menopause gefunden. Ob der undichte Darm Ursache oder Folge der jeweiligen Erkrankung ist, bleibt in den meisten Fällen ungeklärt. Der Zusammenhang wurde immer wieder nachgewiesen, doch um die Darmbarriere als eigentlichen Treiber zu belegen, braucht es größere klinische Studien, von denen es bislang zu wenige gibt.
Bei Hauterkrankungen wie Psoriasis ist die Evidenz am dünnsten. Es gibt Hinweise, dass Psoriasispatienten häufiger einen undichten Darm aufweisen, doch diese Beobachtung stützt sich größtenteils auf ein einziges Review mit einer ausgeprägten Perspektive und wurde bisher nicht unabhängig bestätigt. Behandlungsansätze, die über Probiotika, Präbiotika oder Ernährungsumstellung auf eine Wiederherstellung der Darmbarriere abzielen, klingen plausibel, doch klinische Evidenz dafür, dass sie bei den meisten dieser Erkrankungen wirklich helfen, fehlt bislang.
Die Aussagen basieren auf Reviewstudien, beobachtenden Humanstudien, Tierversuchen und einer kleinen RCT (n=38) bei Leberzirrhose. Für die meisten Zusammenhänge gilt: Die Assoziation ist konsistent, Kausalität ist plausibel, aber in großangelegten klinischen Studien noch nicht abschließend belegt.