Bringt Spermidin wirklich etwas gegen das Altern?
Spermidinpräparate sind mit Vorsicht zu genießen: In der EU sind ausschließlich Weizenkeimextraktprodukte bis rund 6 mg pro Tag als Novel Food zugelassen. Klinische Belege für eine Wirksamkeit beim Menschen stehen noch aus.
Spermidin verlängert die Lebensdauer in Hefe, Würmern, Fruchtfliegen und Mäusen. Das belegen mehrere unabhängige Experimente, sowohl durch direkte Gabe der Substanz als auch durch genetische Blockade ihrer Produktion. Der Wirkmechanismus läuft größtenteils über Autophagie: den zellulären Reinigungsprozess, bei dem Zellen beschädigtes Material abbauen. Ohne Spermidin bricht dieser Prozess weitgehend zusammen, selbst beim Fasten oder bei Kalorienrestriktion. Spermidin ist damit ein unverzichtbares Bindeglied dafür, wie Fasten die Lebensdauer verlängert.
Für das Herz gibt es Hinweise aus Mausstudien, dass Spermidin schützend wirkt. Bevölkerungsstudien beim Menschen zeigen, dass Menschen mit höherer alimentärer Spermidinzufuhr seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben. Das ist eine Assoziation, kein Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Für das Gehirn ergibt sich ein ähnliches Bild. Eine große prospektive Studie fand, dass Menschen mit höherer Spermidinzufuhr über die Ernährung seltener kognitive Beeinträchtigungen entwickelten. Bei gealterten Mäusen verbesserte Spermidin das räumliche Lernen und die Mitochondrienfunktion im Gedächtniszentrum des Gehirns. Auch hier gilt: Kausale Belege beim Menschen fehlen noch.
Der entscheidende Vorbehalt ist, dass es bislang keine abgeschlossene große klinische Studie am Menschen gibt. Alle Humandaten sind observationell: Wer über die Ernährung mehr Spermidin aufnimmt, schneidet bei bestimmten Endpunkten besser ab, doch das kann auch daran liegen, dass diese Menschen generell gesünder leben. Klinische Studien laufen noch. Hinzu kommt, dass mehrere führende Forschende auf diesem Gebiet finanzielle Interessen an Unternehmen haben, die Spermidinprodukte verkaufen. Das macht eine unabhängige Bestätigung besonders wichtig.
In der EU ist Spermidin als Nahrungsergänzungsmittel nur in einer spezifischen Form zugelassen: als Weizenkeimextrakt mit maximal rund 6 mg Spermidin pro Tag. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Novel-Food-Zulassung, was bedeutet, dass andere Quellen oder höhere Dosierungen in der EU nicht erlaubt sind. Wer ein Nahrungsergänzungsmittel in Betracht zieht, sollte prüfen, ob das Produkt diese Voraussetzungen erfüllt. Produkte außerhalb dieses Rahmens sind in der EU formal nicht zugelassen.
Wer die Zufuhr über die Ernährung steigern möchte: Spermidin steckt von Natur aus in Weizenkeimen, gereiften Käsesorten, Pilzen und Hülsenfrüchten. Ob ein Nahrungsergänzungsmittel bei gesunden Menschen über eine abwechslungsreiche Ernährung hinaus einen Zusatznutzen bringt, ist derzeit nicht belegt.
Aussagen basieren auf PMID 39117797, 30306826, 33746912, 37004845, 33852843, 38181790. Keine abgeschlossene große randomisiert-kontrollierte Studie am Menschen verfügbar.