Hilft Testosteron nach dem 50. Lebensjahr, und kann es gefährlich sein?
Testosteron kann für Männer über 50 mit nachgewiesenem Mangel sinnvoll sein, ist aber kein Mittel für jeden, der älter wird: Die Vorteile sind real, die Risiken ebenfalls, und die Indikation muss ein Arzt stellen.
Männer über 50 mit einem ärztlich festgestellten Testosteronmangel profitieren messbar von einer Testosterontherapie. Eine Auswertung von 29 Studien mit im Schnitt 64-jährigen Männern zeigt: Der Körperfettanteil sinkt um durchschnittlich 1,6 kg, die Muskelmasse steigt um ebenfalls 1,6 kg. Bei der Muskelkraft selbst fällt das Bild gemischter aus, ein überzeugender Nachweis fehlt. Die Knochendichte in der Lendenwirbelsäule verbessert sich um 3,7 %, an der Hüfte zeigt sich dagegen kein Effekt.
Am klarsten belegt sind die Vorteile für die Sexualität, wenn gleichzeitig ein niedriger Testosteronspiegel und eine geringe Libido vorliegen. In der amerikanischen TRAVERSE-Studie mit mehr als 5000 Männern zwischen 45 und 80 Jahren verbesserte Testosterongel die sexuelle Aktivität, das Verlangen sowie Beschwerden wie Erschöpfung und Stimmungsschwankungen. Dieser Effekt hielt mindestens zwei Jahre an. Erektionsprobleme besserten sich hingegen nicht nennenswert.
Was das Herz betrifft, liefert TRAVERSE ein differenziertes Bild. Herzinfarkte, Schlaganfälle und herzbedingte Todesfälle traten in der Testosteron- und der Placebogruppe gleich häufig auf: 7,0 % gegenüber 7,3 %. Allerdings entwickelten Männer in der Testosterongruppe häufiger Vorhofflimmern, akutes Nierenversagen und Lungenembolien. Diese Risiken sind ernst zu nehmen.
Auch für die Prostata gilt Differenzierung. In TRAVERSE gab es keinen bedeutsamen Unterschied bei den Prostatakrebsdiagnosen, wobei Männer mit bereits erhöhtem Risiko von vornherein ausgeschlossen waren. Der PSA-Wert, ein Blutmarker für die Prostataaktivität, stieg in der Testosterongruppe dennoch stärker an, weshalb regelmäßige Kontrolluntersuchungen nötig sind. Auffällig und bislang kaum erklärbar: Die Testosterongruppe verzeichnete mehr Knochenbrüche, obwohl die Knochendichte in der Lendenwirbelsäule gleichzeitig zunahm.
Testosteron ist ausschließlich für Männer mit einem nachgewiesenen Hormonmangel belegt, nicht pauschal für jeden, dessen Spiegel alters- oder gewichtsbedingt sinkt. Niedrige Testosteronwerte stehen in Beobachtungsstudien zwar mit einem erhöhten Diabetes-, Demenz- und Sterblichkeitsrisiko in Zusammenhang, doch dazu gibt es bisher nur Zusammenhangsdaten, keine Belege dafür, dass eine Einnahme diese Risiken tatsächlich senkt. Die Anwendungszahlen steigen stark, eine breit angelegte Prävention hat jedoch keine wissenschaftliche Grundlage.
Das Gesamtbild stützt sich auf eine solide Datenbasis: eine Auswertung von 29 randomisierten Studien und die TRAVERSE-Studie mit mehr als 5000 Teilnehmern. Die Vorteile für Körperzusammensetzung und Sexualität sind gut belegt. Bei schwerwiegenden Herzereignissen zeigt sich kein erhöhtes Risiko, doch die häufigeren Fälle von Vorhofflimmern, Lungenembolie und Nierenversagen relativieren diesen Befund. Für den Einsatz bei rein altersbedingtem Testosteronabfall bleibt die Evidenz schwach.