Ist Testosteron wichtig für Frauen?
Testosteron ist für Frauen ein physiologisch relevantes Hormon, mit der stärksten Evidenz für sexuelles Verlangen und sexuelle Funktion. Wenn du Beschwerden hast, die zu einem niedrigen Testosteronspiegel passen, lohnt es sich, das mit deiner Ärztin oder deinem Arzt zu besprechen, einschließlich der Frage, ob eine Anwendung über die Haut sinnvoll ist.
Im Blut von Frauen ist Testosteron in höheren Konzentrationen vorhanden als Östradiol. Es gehört damit neben Östrogen zu den mengenmäßig bedeutendsten Geschlechtshormonen. Testosteron wirkt direkt auf Gewebe im ganzen Körper und wird zum Teil in Östradiol umgewandelt.
Am besten belegt ist die Wirkung auf sexuelles Verlangen und sexuelle Reaktionsfähigkeit. Eine Zusammenfassung von 36 randomisierten kontrollierten Studien mit mehr als 8.480 Frauen nach den Wechseljahren zeigte: Testosteron über die Haut, als Pflaster oder Creme, verbessert im Vergleich zu Placebo das Verlangen, die Erregung, den Orgasmus und die Häufigkeit befriedigender sexueller Erlebnisse deutlich. Gleichzeitig nahmen sexueller Leidensdruck und ein negatives Körperbild ab.
Bei Stimmung, Energie und allgemeinem Wohlbefinden ist das Bild weniger eindeutig. Niedrige Testosteronwerte gehen mit anhaltender Müdigkeit, geringerer Motivation und schwächerem Selbstwertgefühl einher. Für Gedächtnisleistung, Muskelmasse und Knochendichte ergab dieselbe Auswertung keinen statistisch nachweisbaren Vorteil. Die einzelnen Studien dazu waren zu klein für belastbare Aussagen, und für die mechanistischen Erklärungen liegen bisher nur Daten aus Mäuseversuchen vor.
Der Testosteronspiegel kann durch die Entfernung der Eierstöcke deutlich sinken. Er fällt dabei zusammen mit dem der Vorstufe Androstendion um etwa 50 %. Orale Östrogentherapie senkt das frei verfügbare Testosteron zusätzlich, weil sie ein Transportprotein im Blut erhöht, das Testosteron bindet und damit seiner Wirkung entzieht. Frauen, die Östrogen als Tablette einnehmen, haben deshalb ein erhöhtes Risiko für einen funktionellen Testosteronmangel.
Oral eingenommenes Testosteron verschlechtert das Cholesterinprofil: LDL steigt, HDL sinkt. Bei der Anwendung über die Haut tritt dieser Nachteil nicht auf, weshalb sie klar bevorzugt wird. Nebenwirkungen wie Akne und unerwünschter Haarwuchs sind möglich, schwerwiegende Probleme traten in den vorliegenden Studien jedoch selten auf. Ein praktisches Problem bleibt: In den meisten Ländern gibt es kein offiziell zugelassenes Testosteronpräparat für Frauen, weshalb Ärzte es außerhalb der zugelassenen Indikation verschreiben müssen.
Die Aussagen stützen sich auf vier Quellen, darunter eine Metaanalyse aus 36 randomisierten Studien (PMID 31353194) sowie mehrere klinische Übersichtsarbeiten. Mechanistische Aussagen stammen teilweise aus Tierversuchen mit genetisch veränderten Mäusen (PMID 26863277).