Schrumpft das Gehirn wirklich, wenn wir älter werden?
Das Gehirn schrumpft mit dem Alter tatsächlich, vor allem in Bereichen für Gedächtnis und Planung. Bluthochdruck beschleunigt diesen Prozess, während Bewegung und kognitive Beanspruchung die kompensatorische Aktivität des Gehirns stärken.
Ja, das Gehirn schrumpft tatsächlich mit zunehmendem Alter. Bei gesunden Menschen ohne Demenz verlieren fast alle Hirnregionen jährlich zwischen 0,5 % und 1,0 % ihres Volumens, während die Hirnventrikel gleichzeitig größer werden. MRT-Studien haben diesen Befund unabhängig voneinander immer wieder bestätigt.
Der Schwund verteilt sich ungleichmäßig. Am stärksten betroffen sind der präfrontale Kortex (zuständig für Planung und Impulskontrolle), der Hippocampus (Gedächtnis) und das Kleinhirn (Koordination). Der primäre Sehkortex verändert sich kaum. Dieses Muster erklärt zum Teil, warum ältere Menschen häufiger Mühe mit schnellem Denken oder dem Abspeichern neuer Erinnerungen haben als mit dem Sehen.
Nervenzellen sterben dabei nicht massenhaft ab. Wahrscheinlicher ist, dass Neuronen selbst schrumpfen, Verbindungsstellen zwischen Zellen verloren gehen und die Gesamtlänge der myelinisierten Nervenfasern, also der schützenden Isolierschicht um die Nervenleitungen, um fast 50 % abnimmt. Dieser letzte Punkt wiegt schwerer als reiner Zellverlust.
Neben dem Volumenverlust wird Hirngewebe auch weicher und weniger elastisch. Dieser Steifigkeitsverlust schreitet dreimal so schnell voran wie die Volumenabnahme und weist auf Gewebeveränderungen hin, die reine Volumenmessungen nicht erfassen. Dazu gibt es bisher nur Daten aus vergleichsweise kleinen anatomischen Studien.
Das Gehirn reagiert dabei nicht passiv. Im präfrontalen Kortex steigt die Aktivität als Ausgleich für den Schwund in anderen Bereichen sogar an. Körperliche Bewegung und kognitive Beanspruchung verstärken diese Anpassung. Bluthochdruck wirkt genau entgegengesetzt: Er beschleunigt das Schrumpfen von Hippocampus und präfrontalem Kortex. Wie stark das Gehirn altert, ist also nicht rein biologisch vorherbestimmt.
Basiert auf mehreren MRT-Studien, Längsschnittkohortenstudien und vergleichenden anatomischen Studien. Stärkste Evidenz für das Vorhandensein und die regionale Verteilung des Schwunds; moderate Evidenz für die Mechanismen (Neuronenschrumpfung gegenüber Neuronenverlust) und die Veränderungen der Gewebeelastizität.