Schützt grüner Tee vor Krebs?
Die aktuelle Forschungslage liefert keinen überzeugenden Beleg dafür, dass grüner Tee Krebs verhindert. Ein paar Tassen täglich zu trinken ist völlig in Ordnung, aber kaufe keine konzentrierten Nahrungsergänzungsmittel in der Hoffnung auf Krebsprävention.
In Labor- und Tierversuchen hemmen Catechine aus grünem Tee – allen voran EGCG – das Wachstum und die Ausbreitung von Tumorzellen über mehrere Signalwege. Das ist ein interessantes biologisches Signal, aber ob es beim Menschen tatsächlich einen Schutzeffekt gibt, wissen wir nicht. Laborbefunde lassen sich nämlich bei Weitem nicht immer in einen klinischen Nutzen übersetzen.
Beim Menschen ist das Bild dünn und widersprüchlich. Die bislang größte Zusammenfassung der verfügbaren Forschung (mehr als 1,1 Millionen Teilnehmer) fand bei starken Grünteetrinkern ein leicht verringertes allgemeines Krebsrisiko, doch dieser Unterschied war statistisch nicht überzeugend. Auf die krebsbedingte Sterblichkeit hatte grüner Tee kaum einen nachweisbaren Effekt. Bei bestimmten Krebsarten wie Speiseröhren-, Prostata- und Blasenkrebs deuteten Kohortenstudien teilweise sogar auf ein erhöhtes Risiko hin, während andere Studientypen eine Senkung oder gar nichts zeigten. Bei Magenkrebs lieferten 17 Studien kaum ein einheitliches Ergebnis.
Grüntee-Extrakte als Nahrungsergänzungsmittel sind mit noch mehr Unsicherheit verbunden. Kleine klinische Studien legten einen möglichen Rückgang von Prostatakrebs nahe, aber die Konfidenzintervalle sind so breit, dass sich daraus keine belastbare Schlussfolgerung ziehen lässt. Besorgniserregender ist, dass zwei Studien bei Frauen unter Einnahme eines Extrakts ein erhöhtes Risiko für gynäkologische Krebserkrankungen fanden. Auch dieses Ergebnis war statistisch unsicher, dennoch ist es ein Signal, das man ernst nehmen sollte.
Sicherheit ist ein eigenständiges Thema. Grüner Tee als Getränk ist bei normalen Mengen in der Regel unbedenklich. Konzentrierte Nahrungsergänzungsmittel sind das nicht zwangsläufig: Es gibt Berichte über Magen-Darm-Beschwerden, erhöhte Leberwerte und in Ausnahmefällen ernsthafte Leberschäden bei hohen Dosierungen. Wenn du ein solches Präparat in Betracht ziehst, besprich das vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, besonders wenn du bereits Medikamente nimmst.
Fast die gesamte Forschung wurde an Menschen in asiatischen Ländern durchgeführt, die täglich große Mengen grünen Tee trinken. Ob ein paar Tassen pro Woche im Rahmen einer westlichen Ernährungsweise irgendeinen Effekt haben, lässt sich auf Basis der vorhandenen Evidenz nicht beurteilen.
Basierend auf einem großen Cochrane-Review (PMID 32118296, 142 Studien, mehr als 1,1 Millionen Teilnehmer), ergänzenden epidemiologischen Übersichtsarbeiten (PMID 23840110, PMID 16582024) sowie mechanistischen Labor- und Tierstudien (PMID 36142616, 30585192, 27634207). Der Cochrane-Review ist die primäre Quelle für humane Endpunkte.