Senkt Darmkrebsvorsorge wirklich die Sterblichkeit?
Für Menschen zwischen 45 und 75 Jahren mit durchschnittlichem Risiko ist Darmkrebsvorsorge sinnvoll und breit empfohlen. Sie senkt das Erkrankungsrisiko nachweislich, wenngleich der Beleg für eine Sterblichkeitsreduktion kurzfristig weniger eindeutig ist als bisher angenommen.
Ja, Darmkrebsvorsorge wirkt. Mehrere große Übersichtsarbeiten und internationale Leitlinien belegen, dass Screening sowohl die Zahl der Neuerkrankungen als auch die Sterblichkeit durch Darmkrebs senkt1,2,3,4,5,6. Die US-amerikanische Leitlinie (USPSTF, 2021) empfiehlt Vorsorge für alle Personen mit durchschnittlichem Risiko zwischen 45 und 75 Jahren. Zwischen 76 und 85 Jahren ist eine individuelle Abwägung sinnvoll; ab 85 wird sie nicht mehr empfohlen.
Die stärkste direkte Evidenz liefert die NordICC-Studie, die bislang größte randomisierte Untersuchung auf diesem Gebiet. Wer eine Einladung zur einmaligen Darmspiegelung erhielt, hatte nach zehn Jahren ein um 18 % niedrigeres Darmkrebsrisiko: Es sank von 1,20 % auf 0,98 %. Um einen einzigen Fall zu verhindern, waren 455 Einladungen nötig. Allerdings ließen nur 42 % der Eingeladenen die Untersuchung tatsächlich durchführen, was den gemessenen Effekt abschwächt. Bei den Menschen, die wirklich teilnahmen, war der Nutzen entsprechend größer7.
Die Sterblichkeitsdaten derselben Studie zeichnen ein differenzierteres Bild. Nach zehn Jahren war der Unterschied in der darmkrebsbedingten Sterblichkeit statistisch nicht gesichert: 0,28 % gegenüber 0,31 %. Auch die Gesamtsterblichkeit war nahezu identisch. Zehn Jahre Beobachtungszeit sind für eine langsam wachsende Erkrankung möglicherweise zu kurz, und die geringe Teilnahmequote trübt das Bild zusätzlich. Diese Ergebnisse dämpfen frühere Erwartungen7.
Eine Darmspiegelung ist nicht ohne Risiko. In der NordICC-Studie erlitten fünfzehn Teilnehmende nach einer Polypentfernung eine schwere Blutung. Perforationen oder eingriffsbezogene Todesfälle traten nicht auf. Die Komplikationsrate ist gering, sollte aber in deine persönliche Entscheidung einfließen7.
Welche Methode angeboten wird, hat erheblichen Einfluss auf die Beteiligung. Können Menschen zwischen einem Stuhltest, einer Darmspiegelung, einer Computertomographie des Darms oder einer Teilspiegelung des Dickdarms wählen, oder wird ihnen nach Ablehnung der ersten Option eine Alternative angeboten, nehmen deutlich mehr Menschen teil1,4. Der beste Test ist schlicht der, den du auch wirklich machst. Darmkrebs tritt bei Menschen unter 50 Jahren zunehmend häufiger auf; das ist ein wesentlicher Grund, warum das empfohlene Einstiegsalter auf 45 Jahre gesenkt wurde, auch wenn das noch nicht überall umgesetzt ist8.
Die Aussagen stützen sich auf mehrere große Übersichtsarbeiten, auf die USPSTF-Leitlinie von 2021 sowie auf die große europäische randomisierte NordICC-Studie (PMID 36214590). Der wissenschaftliche Konsens zur Wirksamkeit ist stark; der direkte Beleg für eine Sterblichkeitssenkung aus der einzigen großen randomisierten Studie ist nach zehn Jahren Nachbeobachtung jedoch statistisch nicht gesichert.