Warum empfehlen Ärzte Kreatin nicht immer?
Kreatinmonohydrat ist für den Kraftsport gut belegt, und das Sicherheitsprofil bei gesunden Erwachsenen ist beruhigend. Für Kinder und Jugendliche fehlen jedoch Sicherheitsdaten, und manche bewährten Anwendungen sind enger begrenzt, als das Marketing vermuten lässt.
Kreatinmonohydrat ist für Kraftsport solide belegt: Der Stoff erhöht den Gehalt energiereicher Verbindungen in der Muskulatur um rund 15 bis 40 %, was zu messbaren Leistungssteigerungen bei kurzen, maximalen Kraftbelastungen führt. Das ist die am besten untermauerte Anwendung in der wissenschaftlichen Literatur. Ob Kreatin auch im realen Wettkampf unter Feldbedingungen hilft, ist deutlich weniger klar.
Das Sicherheitsprofil ist besser als viele Ärzte vermuten. Eine große Übersichtsarbeit mit 685 klinischen Studien (mehr als 12.800 Teilnehmende) zeigte, dass die Rate unerwünschter Wirkungen in Kreatingruppen (13,7 %) nahezu identisch mit der in Placebogruppen (13,2 %) war. Der Unterschied betrug weniger als einen halben Prozentpunkt. Auch die häufig geäußerte Sorge um Nierenschäden wird durch die verfügbare Evidenz nicht gestützt.
Dennoch gibt es legitime Gründe zur Vorsicht. Zur Sicherheit bei Kindern und Jugendlichen existiert kaum Forschung, weshalb Zurückhaltung für diese Altersgruppe berechtigt ist. Neuere Kreatinformen wie Kreatinethylester haben keinen Beleg dafür, dass sie wirksamer oder sicherer als gewöhnliches Kreatinmonohydrat wären. Zudem greifen Kreatinnutzende häufiger auch zu anderen anabolen Nahrungsergänzungsmitteln, deren Sicherheit tatsächlich zweifelhaft ist.
Ein praktisches Problem besteht darin, dass Ärzte im Jahr 2000 kaum als Informationsquelle fungierten: Nur 14 % der Nutzenden zogen sie zu Rate, während die Mehrheit populären Zeitschriften folgte. Die Wissenslücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz und der Arztpraxis besteht also seit Jahrzehnten. Hinzu kommt, dass mehrere Autoren einflussreicher Kreatinübersichten finanzielle Verbindungen zu Kreatinherstellern aufweisen, was das Bild trüben kann und nach weiteren unabhängigen Studien verlangt.
Für kognitive Effekte sind die Hinweise gemischt und vorläufig. Die größte Studie auf diesem Gebiet (123 Teilnehmende, 5 Gramm pro Tag über sechs Wochen) fand einen kleinen, nicht signifikanten Anhaltspunkt für eine Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses, jedoch keinen Effekt auf das schlussfolgernde Denken. Bemerkenswert: Die Kreatingruppe berichtete in dieser Studie signifikant häufiger von Nebenwirkungen als die Placebogruppe.
Sicherheitsschlussfolgerung basierend auf einer Übersichtsarbeit mit 685 Studien (PMID 40198156). Wirksamkeit im Kraftsport basierend auf mehreren Reviews (PMID 21424716, 29059531). Kognition: eine RCT, n=123 (PMID 37968687). Kinder und Jugendliche: unzureichende Evidenz (PMID 29059531, 33557850). Interessenkonflikte der Autoren bei den jeweiligen Quellen vermerkt (PMID 33557850, 40198156).