Was macht Alkohol mit deiner Darmflora?
Chronisch starker Alkoholkonsum stört die Darmflora nachweislich und hat damit Folgen für Herz und Leber. Moderater Konsum wurde in diesen Studien nicht untersucht, doch die beschriebenen Mechanismen zeichnen ein klares Bild davon, wie der Schaden entsteht.
Wer chronisch und viel trinkt, verändert die Zusammensetzung seiner Darmflora erheblich. Sowohl bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit als auch in Mausexperimenten verschob sich das Verhältnis der Bakterienarten deutlich. Dass es sich dabei nicht um einen bloßen Begleiteffekt handelt, sondern um eine echte Ursache, zeigte sich, als Forschende die veränderte Darmflora per fäkalem Transfer auf gesunde Mäuse übertrugen: Auch diese entwickelten daraufhin eine gestörte Flora.
Die verschobene Darmflora hat handfeste Folgen für das Herz. Bakterien im gestörten Darm produzieren größere Mengen einer Substanz namens Phenylacetylglutamin. Sie gelangt ins Blut, bringt den Kalziumhaushalt in Herzmuskelzellen durcheinander und beeinträchtigt die Entspannungsfähigkeit des Herzens. Zusätzlich entzündet sie die innere Gefäßwand. Große Humanstudien haben Phenylacetylglutamin schon länger mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko in Verbindung gebracht. Vieles deutet nun darauf hin, dass Alkohol einer der Gründe für erhöhte Blutspiegel dieser Substanz ist.
Ein zweiter Effekt ist eine durchlässige Darmwand. Gerät die Darmflora aus dem Gleichgewicht, lockern sich die Verbindungen zwischen den Darmzellen. Schädliche Bakterienprodukte können dann ins Blut gelangen und die Leber erreichen, wo sie Entzündungen und Narbengewebe verursachen. Dieser Mechanismus spielt sowohl bei alkoholbedingter Lebererkrankung als auch bei nicht-alkoholischer Fettleber eine Rolle. Bei Menschen mit Fettleber können bestimmte Darmbakterien sogar selbst kleine Mengen Alkohol als Stoffwechselprodukt erzeugen, was den Leberschaden weiter verschlimmert.
Alkohol beeinträchtigt außerdem den Abbau seines eigenen Zwischenprodukts Acetaldehyd. Die Leber baut den Großteil des Alkohols ab, gibt aber einen Teil des Acetaldehyds über die Galle an den Darm ab, wo Bakterien ihn weiterverarbeiten. Der Darm ist also aktiv an der Entgiftung beteiligt. Ist die Darmflora gestört, funktioniert dieses System schlechter, sodass mehr Acetaldehyd im Blut verbleibt.
Alle Aussagen stützen sich auf eine überschaubare Zahl von Studien (PMID 39738016, 32762536, 27273168, 38902331, 40624229). Die Befunde zum Herz-Kreislauf-Mechanismus stammen bisher überwiegend aus Zell- und Tiermodellen; wie stark sie auf den Menschen übertragbar sind, ist noch offen. Die Veränderungen der Darmflora selbst wurden hingegen auch am Menschen untersucht.