Kann man einem Menschen ansehen, wie alt er biologisch ist?
Dein Gesicht sendet durchaus biologische Signale, ist aber zu eingeschränkt und zu variabel, um dein biologisches Alter zuverlässig zu messen. Nimm Gesichtsalterung als möglichen Hinweis ernst, verlasse dich aber nicht darauf als Maßstab für deine Gesundheit.
Gesichtsalterung verrät tatsächlich etwas über das biologische Alter, ist aber nur ein Teil eines größeren Bildes. Menschen ab 60, die fanden, dass sie älter aussehen als Gleichaltrige, hatten in einer großen britischen Studie mit über 195.000 Teilnehmern ein um 61 % höheres Risiko, in den Folgejahren an Demenz zu erkranken. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Bereinigung um bekannte Risikofaktoren wie eine genetische Veranlagung für Alzheimer bestehen. Es handelt sich dabei um eine statistische Verbindung, keinen nachgewiesenen ursächlichen Zusammenhang.
Bestimmte Falten, etwa Krähenfüße, brachte eine chinesische Studie mit 612 Personen mit geistigen Einbußen in Verbindung. Das Viertel mit den ausgeprägtesten Krähenfüßen zeigte mehr als doppelt so häufig eine kognitive Störung wie das Viertel mit den wenigsten. Diese Studie maß alles zu einem einzigen Zeitpunkt und hatte eine geringe Teilnehmerzahl, weshalb hier Vorsicht angebracht ist.
Das Gesicht ist kein verlässlicher Maßstab für dein gesamtes biologisches Alter. Großangelegte Organstudien zeigen, dass verschiedene Organe ihr je eigenes Alterungstempo haben. Gesichtsmerkmale sind dabei ein Signal neben Blutwerten, Immunfunktion, Darmflora und mehr. Das kalendarische Alter allein misst biologisches Altern schon schlecht, ein einzelnes Gesichtsmerkmal erst recht.
Die Augen sind womöglich der informativste Bereich im Gesicht. Grauer Star und Makuladegeneration, die Schädigung des zentralen Gesichtsfelds, sind direkte Ausprägungen des Alterns im Auge. Diese Augenerkrankungen teilen biologische Mechanismen mit Alzheimer, Parkinson und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Auge bietet damit ein Fenster darauf, wie der Körper als Ganzes altert.
Genetische Studien deuten darauf hin, dass Gesichtsalterung zum Teil erblich bedingt ist, vermittelt durch Gene in Immunzellen, die auch andere Alterungsmerkmale beeinflussen. Auch die Mundgesundheit, also Zahnschmelz, Zahnfleisch und Speicheldrüsen, gibt Alterungssignale, taugt als Maßstab aber nur bedingt: Rauchen beschleunigt die Mundalterung stark, und schwere Parodontitis ist eine Erkrankung und keine gewöhnliche Alterserscheinung.
Die Aussagen basieren auf PMID 39506848 (große prospektive UK-Biobank-Studie und kleinere chinesische Querschnittsstudie), PMID 35263580 (Multi-Omics-Organalterung), PMID 40659289 (genetisch-immunologische Studie, Mendel'sche Randomisierung), PMID 27501493 (Mundalterung), PMID 38977082 (Augenalterung), PMID 40110678 (Immunfunktion und biologisches Alter).