Was ist Urolithin A, und wirkt es wirklich?
Urolithin A zeigt in zwei kleinen randomisierten Studien mit älteren und mittelalten Erwachsenen vorsichtig positive Signale für die Muskelausdauer – die primären Endpunkte wurden jedoch verfehlt, und die Studien stammen fast ausnahmslos vom Hersteller. Das Thema bleibt interessant genug, um es weiterzuverfolgen, doch für eine verlässliche Aussage über messbaren Gesundheitsnutzen reicht die Datenlage noch nicht.
Urolithin A ist eine Verbindung, die deine Darmbakterien aus pflanzlichen Polyphenolen herstellen – also aus Stoffen in Granatapfel, Beeren und Nüssen. Es ist weder ein Vitamin noch ein Nährstoff, den du direkt aufnimmst, sondern ein Umwandlungsprodukt deines Darmmikrobioms. Das macht es besonders: Nicht jeder Mensch produziert gleich viel davon. Forschende unterscheiden anhand des Darmmikrobioms drei Typen, wobei ein Teil praktisch kein Urolithin A bildet – selbst bei regelmäßigem Granatapfelkonsum. Ein Nahrungsergänzungsmittel umgeht diesen Schritt.
Das Wirkprinzip, das Urolithin A die meiste Aufmerksamkeit einbringt, heißt Mitophagie: der zelleigene Prozess, bei dem beschädigte Mitochondrien abgebaut und erneuert werden. Mitochondrien sind die Energiefabriken der Zelle. Dass dieser Prozess beim Menschen biologisch anspringt, zeigten mehrere klinische Studien anhand von Blutwerten und der Genaktivität in Muskelzellen. Das sind indirekte Messgrößen, keine direkten Erhebungen von Kraft oder Ausdauer.
Zwei randomisierte, placebokontrollierte Studien am Menschen liefern ein gemischtes Bild. Bei 66 älteren Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 71 Jahren verbesserte sich die Muskelausdauer in Hand- und Beinmuskeln nach zwei Monaten signifikant gegenüber Placebo. Allerdings verfehlte dieselbe Studie ihre beiden primären Zielgrößen: Der Sechs-Minuten-Gehtest und die maximale Energieproduktion in den Muskeln verbesserten sich nicht nachweisbar. Eine zweite Studie mit Erwachsenen mittleren Alters beobachtete nach vier Monaten eine Steigerung der Muskelkraft um rund 12 % sowie bessere Werte in Ausdauertests – doch auch hier blieb die primäre Zielgröße (Spitzenmuskelleistung) unerreicht. Beide Studien verzeichneten einen Rückgang eines Entzündungsmarkers im Blut. Die Verträglichkeit war in allen klinischen Tests gut: Nennenswerte Nebenwirkungen wurden nicht gemeldet.
In Tiermodellen der Muskelerkrankung Duchenne-Muskeldystrophie wurden vielversprechende Ergebnisse beobachtet. Dazu gibt es bisher keine klinischen Studien mit betroffenen Patientinnen und Patienten.
Die meisten klinischen Studien wurden von Amazentis, dem Unternehmen hinter dem kommerziellen Urolithin-A-Präparat, gesponsert oder in Kooperation mit ihm durchgeführt. Eine unabhängige Bestätigung durch andere Forschungsgruppen fehlt weitgehend. Hinzu kommt, dass viele Zellstudien mit Konzentrationen gearbeitet haben, die im menschlichen Körper unter realen Bedingungen nie erreicht werden – entsprechend vorsichtig sollte man bestimmte dort berichtete Effekte einordnen.
Zwei RCTs am Menschen (PMID 35050355, 35584623), eine klinische Sicherheitsstudie (PMID 32694802), vier Reviews (PMID 34030963, 35118817, 35142569, 37892516) sowie eine Tier- und Zellstudie (PMID 33827972). Metaanalysen liegen keine vor. Das kommerzielle Interessengeflecht bei den klinischen Studien ist ein reales Interpretationsrisiko.