Ist tägliches Lesen langfristig gut für dein Gehirn?
Tägliches Lesen ist wahrscheinlich gut für dein Gehirn – die Evidenz stammt jedoch überwiegend aus Beobachtungsstudien. Ein belastbarer Kausalzusammenhang bei gesunden Menschen fehlt noch; Lesen ist damit eine sinnvolle Gewohnheit, aber keine bewiesene Behandlung.
Hirnscans zeigen, dass Lesen ein breites Netzwerk von Gehirnregionen gleichzeitig aktiviert: visuelle Areale im Hinterkopf, Sprachzentren in der linken Großhirnrinde und das Kleinhirn. Das macht es zu einer der kognitiv anspruchsvollsten Alltagsaktivitäten überhaupt.
Menschen, die früh im Leben viele kognitiv bereichernde Aktivitäten betrieben haben – darunter intensives Lesen – scheinen im Alter widerstandsfähiger gegen kognitiven Abbau zu sein. Untersucht wurde das unter anderem bei Menschen mit Multipler Sklerose, einer Erkrankung, bei der Hirnschäden bereits in jungen Jahren auftreten. Wer über einen großen Wortschatz verfügte und intellektuell aktiv war, blieb trotz erheblicher Hirnschäden länger funktionsfähig. Erklärt wird das mit dem Konzept der kognitiven Reserve: Ein Gehirn, das früh intensiv gefordert wurde, kann Schäden besser ausgleichen. Diese Befunde stammen allerdings aus Beobachtungsstudien – Menschen, die viel lesen, unterscheiden sich in vielen weiteren Merkmalen von Menschen, die das nicht tun, sodass ein direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht gesichert ist.
Bei Menschen, die bereits an Demenz erkrankt sind, wird Lesen in einem Übersichtsartikel im JAMA als nicht-medikamentöser Ansatz erwähnt, der möglicherweise dazu beiträgt, Symptome zu lindern oder das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Es handelt sich um eine Empfehlung innerhalb eines Überblicksartikels, nicht um eine kontrollierte Studie, die Lesen als gezielte Maßnahme getestet hat.
Tägliches Lesen aktiviert viele Gehirnregionen gleichzeitig und hängt in Beobachtungsstudien mit weniger kognitivem Abbau zusammen. Die vorhandenen Hinweise sind ermutigend, aber kein abschließender Beweis.
Drei Quellen: ein Neuroimaging-Überblick (PMID 9448259), ein Review zur kognitiven Reserve bei MS (PMID 23897894) und ein klinischer Übersichtsartikel zu Demenz im JAMA (PMID 31638686). Randomisierte Studien, die Lesen als spezifische tägliche Intervention bei gesunden Menschen untersuchen, liegen nicht vor.