Nehme ich zu viel Eiweiß zu mir – und schadet das meinen Nieren?
Wer gesunde Nieren hat, braucht sich bei einer eiweißreichen Ernährung kaum Sorgen zu machen – wer jedoch an einer Nierenerkrankung leidet oder mit nur einer Niere auf die Welt gekommen ist, sollte die Zufuhr einschränken und eine Ernährungsfachkraft hinzuziehen.
Ob eine eiweißreiche Ernährung den Nieren schadet, hängt vor allem davon ab, wie gesund deine Nieren sind. Bei Menschen mit normal funktionierenden Nieren gibt es kaum Belege dafür, dass eine großzügige Eiweißzufuhr schädlich ist. Die Bedenken betreffen in erster Linie Menschen, bei denen bereits ein Nierenproblem vorliegt.
Bei hoher Eiweißzufuhr kann die sogenannte glomeruläre Hyperfiltration auftreten: Die kleinen Filtereinheiten der Nieren arbeiten dann auf Hochtouren. Bei gesunden Menschen ist das offenbar vorübergehend und harmlos. Wer jedoch bereits weniger funktionstüchtige Filtereinheiten hat – etwa durch eine bestehende Nierenerkrankung oder eine angeborene Fehlbildung – riskiert durch diese Dauerbelastung langfristig echte Nierenschäden.
Bei Menschen mit chronischer Nierenerkrankung ist eine eiweißreiche Ernährung ein Risikofaktor. Sie beschleunigt den Rückgang der Nierenfunktion, lässt stickstoffhaltige Abbauprodukte im Blut ansteigen und begünstigt Übersäuerung des Blutes, Entzündungen und Knochenprobleme. Dazu steigt in dieser Gruppe das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, oxidativen Zellschaden, erhöhte Phosphatwerte im Blut und ein gestörtes Darmmikrobiom.
Phosphat verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Eine eiweißreiche Ernährung bringt oft viel Phosphat mit sich – über Fleisch, Milchprodukte und stark verarbeitete Lebensmittel. Chronisch hohe Phosphatzufuhr ist sowohl mit Nierenfunktionsverlust als auch mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verknüpft, selbst bei Menschen ohne vorbestehende Nierenerkrankung.
Auch das Gegenteil kann zum Problem werden. Zu wenig Eiweiß bei Nierenpatientinnen und -patienten führt zu Muskelschwund und einer schlechteren Gesamtprognose. Die Empfehlung lautet daher nicht: extrem viel oder extrem wenig – sondern ein individuell abgestimmter Ernährungsplan, möglichst mit einem Schwerpunkt auf pflanzlichen Eiweißquellen, begleitet von einer Ernährungsfachkraft oder einem Arzt. Eine besondere Risikogruppe sind Kinder, die mit nur einer Niere geboren wurden: Für sie wird eine übermäßige Eiweiß- und Salzzufuhr ausdrücklich nicht empfohlen.
Die Aussagen stützen sich auf mehrere Studien (PMID 25979491, 35409969, 31728497, 40739997, 37394104, 35365815, 35511366, 35713730). Die Evidenzstärke reicht von begrenzt (für gesunde Menschen) bis mäßig (für Patientinnen und Patienten mit chronischer Nierenerkrankung). Große randomisierte Studien fehlen weitgehend; ein Großteil der Evidenz stammt aus Beobachtungsstudien oder mechanistischen Untersuchungen.