Kann man sein Darmmikrobiom verbessern, indem man draußen Bakterien aufschnappt?
Draußenspielen setzt dein Kind einer größeren Bakterienvielfalt aus, und eine kleine Studie beobachtete Veränderungen in der Darmflora – ob das dauerhaft gesundheitsförderlich ist, gilt aber als nicht belegt. Ernährung, Geburtsweise und Medikamenteneinnahme sind als formende Faktoren des Darmmikrobioms deutlich besser untermauert.
Strukturiertes Spielen in der Natur hat bei 54 Kleinkindern nach zehn Wochen tatsächlich die Zusammensetzung der Darmflora verändert – vor allem den Anteil des Bakteriums Roseburia. Gleichzeitig sank der gemessene Stresspegel, und der Serotoninspiegel im Stuhl stieg an. Es handelt sich dabei um eine einzelne kleine Studie; Folgestudien müssen noch zeigen, ob die veränderte Darmflora wirklich die Ursache der beobachteten Verhaltensverbesserungen ist.
Draußen kommt man offenbar mit einer größeren Bakterienvielfalt in Kontakt. Kinder, die auf echten Felsen spielen, berühren 67 Bakterienarten, die typisch für diese Umgebung sind. Auf künstlichen Gummimatten waren es gerade einmal drei. Ob diese Umgebungsbakterien den Darm überhaupt erreichen und dort etwas Nützliches bewirken, hat diese Untersuchung nicht nachgewiesen. Zwei Fragen bleiben offen: Gelangen sie in den Darm, und was tun sie dort?
Die Proteobacteria, die auf Spielfelsen häufig vorkommen, sind dieselbe Bakteriengruppe, die bei übermäßiger Vermehrung im Darm mit Entzündungskrankheiten und einem gestörten Mikrobiom in Verbindung gebracht wird. Was das bedeutet, wenn Kinder sie beim Draußenspielen aufnehmen, ist bisher nur aus Laborstudien bekannt und nicht am Menschen untersucht. Dieser Befund verdient Aufmerksamkeit, liefert aber noch keine Antwort.
Die gut belegten Einflussfaktoren auf die Darmflora sind die Geburtsweise, die Ernährung in der Säuglingszeit und der Einsatz von Antibiotika. Bei Erwachsenen ist die Medikamenteneinnahme der mit Abstand wichtigste Vorhersagefaktor. Frühe Einflüsse wie die Geburtsweise lassen sich im Erwachsenenalter in der Darmflora nicht mehr nachweisen. Draußenspielen als gezielte Mikrobiom-Strategie ist im Vergleich dazu kaum erforscht und kann diese Faktoren in keinem Fall ersetzen.
Alle Aussagen basieren auf den angegebenen PMIDs: eine kleine Studie bei 54 Kleinkindern (PMID 33319792), eine Umgebungsuntersuchung (PMID 40202313), eine große Bevölkerungsstudie (PMID 27126039), eine Untersuchung zu Determinanten der Darmflora (PMID 26269668), eine Studie zu Dysbiose und Proteobacteria (PMID 26210164) sowie ein Protokoll ohne Ergebnisse (PMID 31810481). Zu diesem spezifischen Thema können keine Aussagen über Ursache und Wirkung aus mehreren zusammengefassten Studien getroffen werden.
Verbessert mehr Zeit in der Natur deine Darmbakterien?
Ob mehr Zeit in der Natur die Darmflora verbessert, können die vorliegenden Studien nicht beantworten; wer seine Darmflora gezielt beeinflussen möchte, findet in Ernährung und Körpergewicht den deutlich besser belegten Ansatzpunkt.
Kann Sport dein Darmmikrobiom verbessern?
Regelmäßige moderate Bewegung verbessert das Darmmikrobiom nachweislich – aber nur solange du dabei bleibst, denn der Effekt schwindet, wenn du aufhörst. Und übertreib es nicht: Extrem intensives Training kann die Darmgesundheit auch belasten.
Lässt sich die Darmflora durch Ernährung dauerhaft verändern?
Ernährung verändert deine Darmflora durchaus, aber dauerhafte Veränderung setzt eine dauerhafte Umstellung der Ernährungsweise voraus; eine vorübergehende Diät hat nur vorübergehende Effekte.
Hilft abwechslungsreiches Essen deinen Darmbakterien?
Fermentierte Lebensmittel haben die stärkste Evidenz für eine höhere Darmflora-Vielfalt. Abwechslungsreich essen hilft ebenfalls, aber vermeide dabei vor allem stark verarbeitete Produkte mit Emulgatoren wie CMC.
Woran erkennst du, dass deine Darmflora aus dem Gleichgewicht geraten ist?
Es gibt mehrere erkennbare Signale, am besten belegt sind Bauchbeschwerden wie anhaltende Schmerzen, Durchfall oder Verstopfung. Wenn du nach einer Antibiotikakur oder einer Darminfektion über längere Zeit Darmbeschwerden hast, sprich das mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt an.
Hat der Blinddarm doch eine Funktion für deine Darmflora?
Der Blinddarm hat aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich eine Funktion: als Reservoir für gesunde Darmbakterien und als Immunorgan. Wer seinen Blinddarm bereits entfernt hat, muss deshalb keine Panik schieben, aber das Organ verdient mehr Respekt, als es lange bekommen hat.